"Anschlussfähigkeit sichern, Lernergebnisse anrechnen"

21. Mai 2014, Mediencampus Villa Ida, Leipzig

Der zunehmende Fachkräftebedarf, der demografische Wandel und die gestiegenen Ansprüche des Arbeitsmarktes machen die Förderung der Übergänge zwischen den Bildungsbereichen und den Erfolg im Studium notwendig. Für die Hochschulen bedeutet dies unter anderem, der steigenden Zahl von beruflich Qualifizierten mit und ohne schulisch erworbener Hochschulzugangsberechtigung ein flexibles Studium zu ermöglichen, indem verstärkt deren berufliche Kompetenzen auf den Studienverlauf angerechnet werden.

Wie dies in der Praxis aussieht, welche Herausforderungen weiter bestehen und welche Modelle sich bewährt haben, zeigte die nexus-Tagung „Anschlussfähigkeit sichern, Lernergebnisse anrechnen" in Leipzig.

Dass die Zielgruppe der beruflich qualifizierten Studieninteressierten größer wird und entsprechend die Nachfrage nach passenden Studienangeboten wächst, zeigen die Statistiken: So haben der 20. Sozialerhebung des DSW zufolge 22 Prozent der Studierenden vor dem Studium eine berufliche Ausbildung abgeschlossen. Zwei Drittel der Studierenden waren im Sommersemester 2012 erwerbstätig, darunter 38% „laufend“.

Um den Bedürfnissen dieser „nicht-traditionellen“ Studierenden entgegenzukommen, seien Angebote für zeitlich und örtlich flexible Studiengangsformate ganz entscheidend, hob Prof. Andrä Wolter von der Humboldt-Universität Berlin hervor. Neben der Beantwortung daraus sich ergebender inhaltlicher Fragen und der Bewältigung organisatorischer Herausforderungen sei es zudem wichtig, eine hochschulpolitische Alternative zum Exzellenzverständnis zu entwickeln. Gegenwärtig gebe es im hochschulpolitischen Diskurs immer noch das „mentale Hindernis“ des unterstellten Gegensatzes zwischen Exzellenz und Öffnung. Dabei könne Anrechnung als Teil eines umfassenden Verständnisses des Lebensbegleitenden Lernens zu einem zukunftsweisenden Profil einer Hochschule beitragen.

So sehr die Ausweitung von Studiermöglichkeiten für beruflich Qualifizierte durch Anrechnung und flexible Studienangebote zu begrüßen sei, so wichtig werde auch die Qualitätssicherung, betonte Prof. Anke Hanft von der Universität Oldenburg in ihrem Beitrag. So gebe es „Grenzfälle der Anrechnung“, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen: So etwa bei dem Problem der „Doppelanrechnung“, wenn berufliche Vorbildungen sowohl als Zulassungsvoraussetzung als auch auf Teile des Studienprogramms angerechnet würden. Ebenso sei es wichtig, die Betreuung der Studierenden durch die Hochschule zu gewährleisten. Dies sei beim sogenannten „Franchising“ eine Herausforderung: Wenn das Studienangebot von einer anderen Institution als der gradverleihenden Hochschule durchgeführt werde, könnten Studierende einen Hochschulabschluss erlangen, ohne jemals die gradverleihende Hochschule betreten zu haben.

Prof. Elke Wild ging in ihrem Vortrag auf die Bedingungen „guter Lehre“ in der Qualifizierung von Studierenden mit heterogenen Bildungsbiographien und Eingangsqualifikationen ein. Mithilfe eines für den Hochschulkontext entwickelten Angebot-Nutzen-Modells konnte sie anschaulich machen, dass sich mit einer inklusiven Lehr-Lern-Kultur sehr wohl die politischen Bildungsziele Chancengleichheit und Durchlässigkeit mit hohen Leistungs- und Qualitätsstandards vereinbaren ließen und stellte dazu die entsprechenden Optimierungsbedarfe an den Hochschulen dar.

Bei den am Nachmittag präsentierten Gute-Praxis-Beispielen wurde deutlich, wie sehr einzelne Lehrende kreativ Gestaltungsspielräume nutzen. So haben Prof. Folker Roland von der Hochschule Harz und Prof. Peter Fröhlich von der HS Rhein Main transparente Anrechnungsverfahren entwickelt, um beruflich Qualifizierten den Sprung in eine berufsbegleitende Weiterqualifizierung bzw. ein berufsbegleitendes Studium zu ermöglichen.
Dass Durchlässigkeit auch als Wechsel aus einem Studiengang in eine berufliche Ausbildung gedacht und erfolgreich praktiziert werden kann, zeigte das Beispiel des Projektes „SWITCH – Karrierewege für Studienabbrecher/-innen“ der Stadt Aachen.

Erkenntnisse des im Verbundprojekts WM3 Weiterbildung Mittelhessen implementierten Forschungsprojekts zu passenden Anrechnungs- und Anerkennungsmodellen deuten auf zentrale Herausforderungen im Bereich der Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen hin.

Mangelndes Wissen und bescheidene finanzielle und zeitliche Ressourcen sowie die Angst vor einer Absenkung des Niveaus erzeugen oft ablehnende Haltungen bei den Lehrenden. Diesen Vorbehalten ist durch Aufklärung und vertrauensbildenden Maßnahmen auf allen Seiten entgegenzuwirken. Denn in der Regel ist mehr möglich, als zunächst gedacht. Gute Beispiele gibt es viele, wie die Tagung zeigte.

Bilder der Veranstaltung

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