Evaluation: Weniger Gießkanne, mehr Impulse für konkrete Veränderungen

12. Oktober 2017 - von Dr. Jan Ulrich Hense

Die Evaluation von Studium und Lehre an deutschen Hochschulen stößt nicht bei allen Beteiligten auf Gegenliebe. Insbesondere gegenüber standardisierten Verfahren der Lehrveranstaltungs­evaluation (LVE) wird verschiedentlich Kritik geübt. Da nicht zuletzt professionelle Standards Nützlichkeit als erstes Gütekriterium guter Evaluation definieren (Gesellschaft für Evaluation - DeGEval, 2017), sind kritische Fragen legitim. Um zu angemessenen Folgerungen zu kommen, scheint es mir aber geboten, zwei Bereiche der Kritik voneinander zu trennen: Kritik am Instrument der LVE auf der einen Seite und Kritik am Einsatz diese Instruments in Hochschulen auf der anderen.

In Bezug auf die Kritik am Instrument der Evaluation selbst lassen sich viele Vorwürfe empirisch auf Basis des aggregierten Forschungsstands klären. Obwohl Einzelstudien teils Gegenteiliges vermuten lassen, zeigt sich insgesamt, dass viele der unterstellten Probleme von LVEs sich zumindest für gut konzipierte Instrumente nicht systematisch belegen lassen. Insbesondere gilt das für den Pauschalvorwurf, LVEs seien „Happy-Sheets“, die nur als Barometer für die allgemeine Zufriedenheit der Studierenden taugten. Für zwei Faktoren ist allerdings ein verzerrender Einfluss gut belegt: In Pflichtveranstaltungen und bei einem niedrigen Interesse der Studierenden am Thema der Veranstaltung ist von systematisch niedrigeren LVE-Werten auszugehen. Der Vorwurf der Folgenlosigkeit ist dagegen bei näherem Hinsehen nur auf einer unmittelbaren, instrumentellen Ebene belegt und ist in seiner Pauschalität zu undifferenziert.

Grüne rostige Gießkanne
Lehrveranstaltungsevalutionen nach dem Gießkannenprinzip führen zu Abnutzungsscheinungen. Bild: Pixabay

Viele Kritikpunkte betreffen aber weniger die LVE an sich, sondern richten sich eher auf deren Einsatz im Hochschulalltag. Evaluationsverfahren können nur dann nachhaltig wirksam werden, wenn sie konzeptionell in organisationale Qualitätsmanagementkreisläufe eingebettet werden. Lücken im Plan-Do-Check-Act-Zyklus bestehen oft bei fehlenden klaren Zielsetzungen in Bezug auf gute Lehre sowie zwischen dem „Check“ und dem „Act“, da Lehrende zu wenig Unterstützung im sinnvollen Umgang mit der Evaluation ihrer Lehre erhalten. Ein drittes Problem ist die kohärente Abstimmung der hochschulinternen Instrumente zur Qualitätssteuerung von Studium und Lehre. Beispielhaft lässt sich an den beiden Instrumenten LVE und hochschuldidaktischer Weiterbildung zeigen, dass qualitätsbezogene Bemühungen trotz gemeinsamer Ziele oft viel zu wenig aufeinander abgestimmt sind.

Für eine zweckorientierte Praxis der Evaluation von Studium und Lehre wäre es daher wichtig, diese, beispielsweise in Form einer „Evaluation Policy“, systematischer zu konzipieren und zu implementieren. Um Abnutzungserscheinungen vorzubeugen, sollten LVEs dabei nicht nach dem Gießkannenprinzip eingesetzt und dürfen aus Fairnessgründen nicht für Personalentscheidungen missbraucht werden. Nur dann ist zu erwarten, dass sie ihr Potenzial als verstetigtes Instrument zur systematischen Einbeziehung der Studierendensicht und relativ ressourcenschonende Möglichkeit eines inhaltlich breiten Feedbacks an Lehrende ausschöpfen und entsprechende Impulse für mögliche Veränderungen in der Lehre geben können.

Dieser Text ist zuerst im nexus-Newsletter erschienen.

Prof. Dr. Jan Ulrich Hense

Prof. Dr. Jan Ulrich Hense ist seit 2014 Professor für Hochschuldidaktik und Evaluation an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Nach einem Studium der Schulpsychologie und Anglistik promovierte er über Erfolgsfaktoren der Selbstevaluation in Schulen. Seine Arbeitsschwerpunkte in Forschungs- und Praxisprojekten liegen im Bereich der Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen an der Hochschule sowie der nutzen- und nutzungsorientierten Evaluation im Hochschulbereich. Hense ist zudem Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Evaluation -  DeGEval e.V.