Neuerscheinung: Interdisziplinäre Studienprojekte gestalten. Aus der Praxis für die Praxis

01.04.2019 - Dr. Peter A. Zervakis

Der Erwerb von geeigneten Kompetenzen zur Zusammenarbeit mit anderen Fachkulturen, z.B. zwischen Ingenieur-, Natur-, Geistes-, Wirtschafts- und Sozial­wissenschaften, ist ein erklärtes Lernziel interdisziplinärer Studienprojekte, wie sie inzwischen sowohl zur guten Lehrpraxis als auch zum zentralen Profilmerkmal nicht nur an der Technischen Universität Darmstadt (TUD) gehören. Diese Fähigkeiten sollen – so die beiden Autoren des vorliegenden Praxishandbuchs für Lehrende, Hochschuldidaktiker sowie Lehr- und Studiengangentwickler – möglichst frühzeitig im Studium erworben und eingeübt werden, um gerade im Vergleich zu anderen Fächern die eigene Fachidentität frühzeitig zu klären und zu stärken (S.33).

Das Autorenteam möchte mit diesem Praxishandbuch den vielen Anfragen aus anderen Hochschulen zu den Projekten und zum Einführungsprozess entgegenkommen und ihr langjähriges Praxiswissen dokumentieren und weitergeben. Das Fach- und Arbeitsbuch ist für alle konzipiert, die selbst interdisziplinäre Studienprojekte einführen und umsetzen wollen. Dabei beschreibt es erstmals die komplexe Gesamtorganisation in der TUD und dokumentiert den bisher erreichten Zwischenstand für die flächendeckende Einführung von interdisziplinären Studienprojekten: Die verschiedenen Modelle und didaktischen Konzepte, die Lernbegleitung durch Tutorinnen und Tutoren und Expertinnen und Experten, die Gestaltung interdisziplinärer Wochen-, Semester- und Kleingruppenprojekte sowie den Einführungsprozess für die flächendeckende Umsetzung. Zahlreiche Übersichten, Checklisten, Beispiele und Vorlagen erleichtern die Umsetzung in die Praxis.

Die handfesten Erfahrungen in der TUD seit den exemplarischen Anfängen in den 1970er Jahren und im Rahmen des vom BMBF im Qualitätspakt Lehre seit 2011 geförderten und flächendeckend eingeführten KIVA-Programms mit mehr als 30 interdisziplinären Projekten für ca. 10.000 Studierende in der Studieneingangsphase beweisen eindrucksvoll, dass fächerübergreifendes, aktives und problemorientiertes Lernen bereits von Anfang an in großem Stil umgesetzt werden kann. Diese besondere Art von Projektstudium stärkt die Motivation für und die Identifikation mit der eigenen Studienfachwahl, die wichtige Bedingungen für den Studienerfolg sind. Die Studierenden erwerben Handlungskompetenzen und Schlüsselqualifikationen, die für den Erfolg in Studium, Beruf und Gesellschaft von großer Bedeutung sind (S.11). Denn die Studienprojekte helfen den Studierenden bereits am Studienanfang bei der Herausbildung eines eigenes Professionsverständnisses, indem ihnen mit Hilfe von didaktisch sorgfältig aufbereiteten und von Tutoren eng begleiteten Projektwochen fachlicher Anspruch und Verantwortung ebenso wie fachliche Grenzen und Schnittstellen zu anderen Fachexperten bewusst und deutlich gemacht werden.

Abgrenzung zu anderen Fächern wird praktisch erfahrbar
Interdisziplinäre Studienprojekte bereiten somit nicht nur auf den Arbeitsmarkt und die spätere berufliche Praxis vor. Mit Studienbeginn unterstützen sie die Studierenden auch bei ihrer Sozialisierung in einer bestimmten Disziplin sowie der Orientierung in einem multidisziplinären Hochschulraum. Sie tragen auf diese Weise zur Profilschärfung einer Disziplin bei, indem sie die Abgrenzung zu anderen Fächern praktisch erfahrbar machen. Dies ist besonders wichtig bei Studienfächern wie z.B. den Ingenieurfächern, die die Studierenden nicht schon aus der Schule kennen. Beim Aufbau einer Fachidentität geht es in den interdisziplinären Studienprojekten daher nicht darum, sich fachliches Sach- und Faktenwissen anzueignen. Für den Erwerb von Faktenwissen sind andere Lehr- und Lernformen wie Vorlesungen und Seminare effektiver. Die Studierenden sollen vielmehr durch die Anwendung von fachtypischen Konzepten und Methoden verstehen, wie ihre Disziplin Probleme identifiziert und löst. Für die Studienprojekte, die auf die Entwicklung eines gemeinsamen Produkts zielen, empfehlen sich Entwicklungs- und Innovationsmethoden aus den jeweiligen Fächern. Konkrete Beispiele sind die Konstruktionsmethode im Maschinenbau, Softwaretechnik in der Informatik, Geschäfts- und Unternehmensplanung in den Wirtschafts­wissenschaften oder Modellierungsmethoden in der Mathematik (S. 33).

Der Grundsatz der „Gelebten Interdisziplinarität“ (S. 11) in der TU Darmstadt bedeutet auch, dass interdisziplinäre Studienprojekte weiterentwickelt werden müssen. Entwicklungslinien in der Lehre wie Internationalisierung, Digitalisierung und Forschendes Lernen werden zu Flexibilisierungen und Ausdifferenzierungen bei den Studienprojekten führen. Das Autorenduo wünscht sich darüber hinaus, dass interdisziplinäre Studienprojekte zukünftig nicht nur in der Studieneingangsphase stattfinden. Studierende sollten vielmehr mehrere interdisziplinäre Studienprojekte während ihres Studiums absolvieren und dabei ihre Projektkompetenzen stufenweise ausbauen können, bis sie in der Lage versetzt werden, ein Forschungs-, Entwicklungs- oder Innovationsprojekt völlig selbstständig zu entwickeln. Nicht zuletzt steht die TUD vor der Aufgabe, die interdisziplinären Studienprojekte in der aktuellen Größenordnung von 2.600 Studierenden jährlich über die Förderung aus dem Qualitätspakt Lehre hinaus zu verstetigen. Es wäre hilfreich, wenn so weitreichende Entscheidungen nicht nur durch eine vergleichende Evaluation unterschiedlicher Projektformate, sondern durch eine vergleichende Evaluation unterschiedlicher Lehrformate abgesichert werden könnte. Für die fach- und hochschuldidaktische Wirkungsforschung stehen allerdings nur wenige Fördermittel zur Verfügung. Eine Ausweitung der entsprechenden Forschungsförderung ist deshalb notwendig (S.168).

Dirsch-Weigand, A.; Hampe, M.: Interdisziplinäre Studienprojekte gestalten. Aus der Praxis für die Praxis. Bielefeld 2018. ISBN: 978-3-7639-5917-4  (Printausgabe 39,90 Euro kostenloser Download verfügbar) 

Besprechung: Dr. Peter A. Zervakis, stellvertretender Projektleiter nexus