4. März 2020, Osnabrück

Wissenschaftlichkeit, Fachlichkeit und Beruflichkeit in den Studiengängen der Gesundheitsfachberufe und der Medizin

Neuausrichtung der Studiengänge in den Gesundheitsprofessionen

Ist die Akademisierung der Gesundheitsberufe "eigentlich eine Zumutung für die Hochschulen" angesichts einer ausgeprägten Berufsorientierung, die sich mit der Wissenschaftsorientierung schwertut, wie der Vizepräsident der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Thomas Bals, bewusst provokativ sein Grußwort einleitete? Wie stark darf man in den primärqualifizierenden Studiengängen der Gesundheitsfachberufe auf ein konkretes Berufsbild hin ausbilden? Wie kann das Leitbild eines wissenschaftlichen Studiums aussehen in Studiengängen mit hohen Praxisanteilen, detaillierten Berufsgesetzen und konkreten Handlungsfeldern? Über diese und weitere Fragen diskutierten etwa 90 Expertinnen und Experten am 4. März an der Universität Osnabrück auf der Fachtagung "Wissenschaftlichkeit, Fachlichkeit und Beruflichkeit in den Studiengängen der Gesundheitsfachberufe und der Medizin".

Mit dieser letzten Tagung hat der Runde Tisch "Medizin und Gesundheits­wissenschaften" im HRK-Projekt nexus die Akademisierungsdebatte in den Berufen im Gesundheitswesen aufgegriffen und im breiten interdisziplinären Austausch die wissenschaftlichen Ansprüche an die Neuausrichtung der Studiengänge in den Gesundheitsprofessionen erörtert. Einig war man sich, dass zur Sicherstellung einer umfassenden Gesundheitsversorgung sowohl die Rahmenbedingungen als auch die Qualifikationsangebote verändert werden müssen, damit Forschung und wissenschaftliche Professionalisierung sich auf die sich verändernden gesellschaftlichen Bedarfe leichter einstellen können.

Der frühzeitige Aufbau von Wissenschaftskompetenz als neues "Constructive Alignment"?

Für alle Studiengänge im Gesundheitswesen gelte das Leitbild eines wissenschaftlichen Studiums. Dies bedeute allerdings auch für die medizinischen Studiengänge eine "große Herausforderung", so Prof. Dr. Thorsten Schäfer, Leiter des Zentrums für Medizinische Lehre, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Ruhr Universität Bochum und Mitglied des Runden Tisches. Angesichts hoher Praxisanteile, umfassender Ordnungsvorgaben und konkreter Handlungsfelder müsse einerseits darauf geachtet werden, dass das Studium nicht selber zur Praxis werde, weil es dann an Leistungsfähigkeit verliere, so Prof. Dr. Ursula Walkenhorst, Erziehungs- und Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Osnabrück und langjährige Vorsitzende des Runden Tisches "Medizin und Gesundheits­wissenschaften" im Projekt nexus/HRK, in ihrem Einführungsimpuls. Andererseits könnten bei zu großer Distanz zum Beruf berufspraktische Herausforderungen aus dem Blick geraten. Und dann stelle sich die Frage nach dem Mehrwert des Studiums, so Walkenhorst. Mit der Integration von Wissenschaftskompetenz als zentralem Merkmal hochschulischer Bildungsgänge in den Gesundheitsfachberufen werde die Grundlage sowohl für deren weitere Disziplinentwicklung (Wissenschaftlichkeit) als auch für deren fachliche Anschlussfähigkeit (Fachlichkeit) an die beruflichen Handlungsfelder (Beruflichkeit) gelegt und dabei durch "reflexives Lernen" aus der Praxis auch die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden gefördert. Der Aufbau von mehr wissenschaftlicher Kompetenz sollte dabei im "Student Life Cycle" so früh wie möglich erfolgen, resümierte Walkenhorst.

Mit Wissenschaft und Interdisziplinarität Begeisterung wecken

Um mit Wissenschaftlichkeit Begeisterung für ein Studium zu wecken, müssten Lehrende dafür mehr Sorge tragen, dass Studierende sich bewusster werden, wofür wissenschaftliche Kompetenz eigentlich benötigt werde, so der Kommentar von Laura Pohl von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), die ebenfalls Mitglied des Rundes Tisches sind: "Die Studierenden sind aufgeschlossen gegenüber interdisziplinären Forschungsfragen und wollen lernen, Interprofessionalität qualitätsgesichert zu praktizieren. Sie wollen eine wissenschaftsaffine Ausbildung." Dies müsse allerdings von den Lehrenden angestoßen werden, da Studierende mit der "Interperspektivität" überfordert seien, so auch Prof. Dr. Michael Ewers, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Charité Berlin, Mitglied des Runden Tisches und Gesamtmoderator der Tagung. Seitens der Lehrenden wurde darauf hingewiesen, dass die verschiedenen Gesundheitsdisziplinen unterschiedlich weit in ihrer Entwicklung fortgeschritten seien, insofern sei interdisziplinäres Lehren und Lernen nicht immer einfach umzusetzen. Mediziner und Gesundheitswissenschaftler zeigten sich überzeugt, dass der eigentliche Mehrwert von Wissenschaftlichkeit darin bestehe, selbstständig reflektieren und handeln zu können, innovativ in Theorie und Praxis zu sein und diese problemorientiert miteinander zu verbinden.

Wie kommt Wissenschaft in den Beruf? Mehr "klinische Kompetenz" wagen.

In den einschlägigen Foren machten die Debatten deutlich, dass der wissenschaftliche Kompetenzzuwachs nicht immer in der Berufspraxis sichtbar gemacht werden könne. Es müsse eine wissenschaftsfreundliche Kultur durch Weiterqualifikation der "Dozierenden" gefördert werden und die Berufspraxis benötige viel Zeit ("20-25 Jahre") zur Gewöhnung an den "Kulturwandel" einer "evidenzbasierten Praxis", so Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote, Direktor des Departements Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in seiner viel beachteten Videobotschaft.

Wichtig sei auch, so Prof. Dr. Martin Moers, Pflegewissenschaftler an der Hochschule Osnabrück, Mitglied des Runden Tisches und Forenmoderator, die Reflexion außerhochschulischer Lernmöglichkeiten, wie z. B. das "hermeneutische Fallverständnis" während umfangreicher Praxisphasen. Ergebnisse aus der Praxis der Berufsfelder sollten zum Gegenstand weiterer Forschung gemacht werden, um so eine wissenschaftsnahe, kritische Betrachtung der Praxis einzuüben. Dabei spielen "Gütekriterien" zur Beurteilung von wissenschaftlichen Prüfungsleistungen der Studierenden zwar eine wichtige Rolle, war Prof. Dr. Jutta Räbiger von der Alice Salomon Hochschule Berlin und Mitglied des Runden Tisches überzeugt. Allerdings hielten die im bvmd organisierten Medizinstudierenden das Feedback der Lehrenden für wichtiger als jede Notengebung.

Sind die Hochschulen wirklich gezwungen, eine Berufsausbildung zu betreiben, wie Prof. Bals zum Eingang der Veranstaltung anmerkte? Droht bei all den Regulierungen gar die Verberuflichung der Wissenschaft im Gesundheitswesen? Ein solches Drohszenario sei kein "exklusives Problem der Gesundheits­wissenschaften", so Moderator Ewers zum Abschluss der Tagung, das Problem stelle sich auch für das Lehramt und die Juristen. Sein persönliches Fazit lautete: "Die eigene klinische Kompetenz ist mit der Primärqualifizierung im Kommen und muss erlernt werden." Ein gutes Beispiel aus der Praxis sei die im Aufbau befindliche Ambulanz zur Patientenversorgung an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Auch wenn Studierende die Beruflichkeit in den Mittelpunkt ihrer Erwartungen an das Studium stellen, müsse die Wissenschaftlichkeit von Anfang an mitgedacht und sichtbar gemacht werden. Die Studierenden sollten auch erkennen, welche Relevanz und 'Verwertungsmöglichkeit' wissenschaftliche Kompetenz in ihrer späteren Tätigkeit hat. Daher sollte die Wissenschaftskompetenz in die Fachdisziplin integriert werden und Lernziele doppelt genutzt werden.

Weitere Informationen:

In Kürze finden Sie hier die Dokumentation zur Fachtagung "Wissenschaftlichkeit, Fachlichkeit und Beruflichkeit in den Studiengängen der Gesundheitsfachberufe und der Medizin" an der Universität Osnabrück.