Aufbau von Monitoringsystemen in Hochschulnetzwerken: Erfahrungen, Gelingensbedingungen und Herausforderungen

12./13. Juni 2019, Universität Bremen

Analysen von Studienverläufen können Hochschulen ein gutes Handwerkzeug zur Unterstützung und Beratung von Studierenden, zur Gestaltung von Curricula und zur qualitativen Hochschulsteuerung an die Hand geben. Gelingensbedingungen für Akzeptanz und positive Effekte von Monitoringprozessen sind eine offene Kommunikation und die Einbindung aller Beteiligten bereits vor der eigentlichen Datenerhebung sowie klare Fragestellungen.

"Wir sollten mit dem Monitoring keinen Rechtfertigungs- oder gar Verteidigungsdruck provozieren", eröffnete Prof. Dr. Thomas Hoffmeister, Konrektor für Lehre und Studium an der Universität Bremen, die mit kanpp 140 Teilnehmenden ausgebuchte Tagung des HRK-Projekts nexus in Kooperation mit der Universität Bremen. Bei der zweitägigen Konferenz standen Netzwerke im Mittelpunkt, in denen Hochschulen gemeinsam Monitoringsysteme (weiter-)entwickeln.

Wie exklusiv müssen unsere Netzwerke sein und wozu sollen sie dienen?
Der einführende Vortrag des Soziologen und Hochschulforschers Prof. Dr. Uwe Schmidt von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz machte deutlich: Ob es sich um hochschulinterne Netzwerke handelt, um die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen oder die Netzwerke zwischen Wissenschaft und Politik – der zwischenmenschliche Faktor muss immer mitbedacht werden. Bestehende Netzwerke, so Schmidt, seien stark von persönlichen Kontakten zwischen Steuerungsakteuren abhängig.  

Welche Erklärungskraft haben Monitoringdaten?
Damit Datenerhebungen den Akteuren einen für ihre Handlungspraxis relevanten Mehrwert bieten können, lohne es sich, Zeit und Energie in das Design eines Monitoringprozesses zu investieren. "Daten allein haben keine Intelligenz", betonte Schmidt.

Worauf soll ein Monitoring Antworten liefern, was kann kausal erklärt werden? Die Fragen hierfür müssten im Vorfeld genau überlegt werden – und die erhobenen Daten so aufbereitet sein, damit alle potenziellen Nutzer sie auch gut verstehen können. Dazu zähle die Verbindung von qualitativen und quantitativen Daten sowie eine sorgfältige Auseinandersetzung mit Komplexität bzw. Vereinfachung oder Kontextualisierung der Daten, etwa vor den Besonderheiten und Profilen einer Hochschule.

"Wenn wir Daten erheben, müssen wir uns unserer Verantwortung bewusst sein und vorab klären und auch erklären, was wie und wozu wir diese erheben", gab Schmidt abschließend zu bedenken, "denn wir schaffen damit nicht nur ein Abbild der Realität, wir schaffen neue Realitäten und Handlungslogiken bis in die Politik hinein."

Netzwerkbeispiele aus Deutschland und Nachbarländern
Eine der auf der Tagung meistgenannten Gelingensbedingungen für effektive und nachhaltige Netzwerke ist ein vertrauensvoller und regelmäßiger Austausch zwischen den Beteiligten sowie eine transparente Kommunikation – vor, während und nach Befragungen; bei bestehendem Hochschulwettbewerb allerdings eine besondere Herausforderung.

Die Diskussion nach der Vorstellung bestehender Netzwerke im In- und Ausland ergab, dass sich für Monitoring-Netzwerke eher ein Bottom-up-Ansatz bewährt habe: Geht die Initiative von den Experten in den Hochschulen aus,, die  konkret mit den Daten arbeiten und diese auch einpflegen, entstehen stetig weitere Kreise von intrinsisch motivierten Qualitätsentwicklern. Von weiteren Entwicklungsschritten profitieren über das geknüpfte Netzwerkgedächtnis dann alle Beteiligten.   

Netzwerk-Beispiele aus den Bundesländern
Christian Weßels gab Einblicke in die Arbeit des Verbunds Norddeutscher Universitäten (VNU) und wies auf die Herausforderung für die Hochschulen hin, vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Interessen und Ziele einheitliche Definitionen und Details der Datenerhebung vorab zu klären, um vergleichbare Daten erhalten zu können. Stefan Krüger stellte das Kenndatenportal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vor und Imke Fehsel resümierte ihre ersten Erfahrungen mit dessen Übernahme durch die Hochschule Düsseldorf. Aus dem ursprünglich internen Projekt ist mittlerweile ein "Critical Friends-Netzwerk" mit fünf Partnerhochschulen aus drei Ländern erwachsen, das sich seit 2017 regelmäßig trifft und abstimmt. Wichtig sei dabei neben der vertrauensvollen Kooperation auch Ziele und Pflichten der Beteiligten klar zu kommunizieren und zu klären, wer die Hoheit über die Daten habe.

Wie lassen sich sensible Daten aus nationalen und hochschulinternen sinnvoll verknüpfen und bei Wahrung des Datenschutzes vielseitig nutzen? Fragen, mit denen sich auch die Vertreter aus Österreich und den Niederlanden in ihren Netzwerken beschäftigen.

Netzwerk-Beispiele aus Österreich und den Niederlanden
Die unterschiedlichen Projektphasen hin zum Netzwerk STUDMON beleuchtete Andreas Raggautz, Leiter des Leistungs- und Qualitätsmanagements an der Karl-Franzens-Universität Graz. Herausforderungen mit der technischen Umsetzung und der Auswertung der Daten als auch Chancen und Risiken eines Ampelsystems zum Studienverlauf diskutierten Dr. Jules M. van Rooij und Jasper van de Kamp von der Rijksuniversiteit Groningen.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit von Hochschulen und Politik ist wichtige Grundlage
Als gelungenes Beispiel einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Hochschulen und Politik präsentierte Dr. Thomas Wotschke vom Referat für Hochschulplanung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen seine Erfahrungen mit der ersten Erhebung einer landesweiten ECTS-Monitoringstatistik an 34 beteiligten staatlichen und staatlich refinanzierten Hochschulen.

ECTS-Monitoring in NRW
"Allein schon die Einführung eines solchen Systems vor dem Hintergrund einer guten Zusammenarbeit bewirkt eine engagierte Auseinandersetzung an den Hochschulen mit zentralen Aspekten zur Verbesserung der Lehre", sagte Wotschke. Wichtig sei es gewesen, einen gemeinsamen Rahmen zu finden, den Nutzen eines ECTS-Monitorings herauszustellen und bei dessen Auf- und Ausbau an den Hochschulen die finanzielle Unterstützung des Landes anzubieten. Dass NRW dabei zusicherte, die Monitoring-Ergebnisse bis auf weiteres nicht für die Mittelvergabe heranziehen zu wollen, habe entscheidend zum Gelingen des Projekts beigetragen.  

Thorsten Krause von der Fachhochschule Dortmund bestätigte die durchweg positiven Erfahrungen der daran beteiligten Hochschulen mit dem ECTS-Monitoring und gab Einblicke in die Arbeitspraxis. Die Datenlieferung an das Landesministerium falle aus Gründen des strikt einzuhaltenden Datenschutzes so hochaggregiert auf Ebene einer Lehreinheit aus, dass sie nur von beschränkter (politischer) Aussagekraft sei. Dagegen würden die Daten aus der Studienverlaufsstatistik bei der Curricularentwicklung in den Fachgruppen der eigenen Hochschule helfen. Sie gäben außerdem Anlass zu fruchtbaren Jahresgesprächen über die Lehre und wirkungsvollen Schulungen.

Monitoringnetzwerke lassen sich unter finanziellem Druck nur schwer entwickeln, so der Tenor während der Tagung. "Dennoch müssen wir alle genau hinschauen und uns auch dem Wettbewerb untereinander stellen", äußerte sich Prof. Dr. Aloys Krieg, Prorektor für Lehre an der RWTH Aachen. Monitoringdaten können aus seiner Sicht durchaus ein Baustein für eine leistungsorientierte Mittelvergabe sein: "Wer sich in der Lehre anstrengt und viele Studierende zum Erfolg führt, soll belohnt werden. Wir müssen die Leute so gut ausbilden, damit sie nach ihrem Studim ihren eigenen Lebensunterhalt gut bestreiten können", sagte Krieg und plädierte für die Bereitschaft, in einem offenen Austausch gemeinsam Lösungen für bestehende Probleme zu entwickeln. Denn Lehre sei "heute viel Teamwork."

"Es wäre ein großer Fehler der Politik, die Hochschulen aufgrund erhobener Daten vor sich herzutreiben", sagte Konrektor Prof. Dr. Thomas Hoffmeister in seinem Resümee, "denn dann würde man die Netzwerke verlieren, die offen ihre Zahlen auf den Tisch legen." Die Tagung in Bremen habe verdeutlicht, wieviel über gute Netzwerkarbeit erreicht werden könne, sagte er und regte an, über die bestehenden Netzwerke hinaus Schnittstellen zum deutschlandweiten Austausch zu initiieren.



Vortragsfolien und Abstracts

Impuls: Die Zusammenarbeit im Qualitätsmanagement in einem Hochschulverbund: Optionen und Herausforderungen

Impuls: Die Zusammenarbeit im Qualitätsmanagement in einem Hochschulverbund: Optionen und Herausforderungen

Univ.-Prof. Dr. Uwe Schmidt
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Präsentation

Impuls: Studierendenmonitoring im Verbund Norddeutscher Universitäten: Erfahrungen und Herausforderungen

Impuls: Studierendenmonitoring im Verbund Norddeutscher Universitäten: Erfahrungen und Herausforderungen

Christian Weßels
Universität Bremen

Präsentation

Impuls: Studierendenmonitoring im Projekt Kenndatennetzwerk: Erfahrungen und Herausforderungen

Impuls: Studierendenmonitoring im Projekt Kenndatennetzwerk: Erfahrungen und Herausforderungen

Stefan Krüger
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Imke Fehsel
Hochschule Düsseldorf

Präsentation

Impuls: Aufbau von ECTS-Monitoringsystemen in Nordrhein-Westfalen: Erfahrungen und Herausforderungen

Impuls: Aufbau von ECTS-Monitoringsystemen in Nordrhein-Westfalen: Erfahrungen und Herausforderungen

Dr. Thomas Wotschke
Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
Präsentation

Kommentare:

Prof. Dr. Aloys Krieg
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Präsentation

Thorsten Krause
Fachhochschule Dortmund
Präsentation

Impuls (in Englisch): The Dutch and Groningen Experiences with Student Monitoring

Impuls (in Englisch): The Dutch and Groningen Experiences with Student Monitoring

Jasper van de Kamp
Dr. Jules M. van Rooij

Rijksuniversiteit Groningen

Präsentation

Impuls: Erfahrungen mit Studierendenmonitoring in Österreich: Zum Umgang mit der Vielfalt der Studierenden im Projekt STUDMON der Universität Grazz

Impuls: Erfahrungen mit Studierendenmonitoring in Österreich: Zum Umgang mit der Vielfalt der Studierenden im Projekt STUDMON der Universität Grazz

Andreas Raggautz
Karl-Franzens-Universität Graz

Präsentation


Informationen und Beiträge vorangegangener Monitoring-Tagungen

Die Tagung an der Universität Bremen war die fünfte Veranstaltung zum Thema Monitoring.

Hier finden Sie die Informationen und Beiträge zu den vorangegangenen Terminen:

Gelingensbedingungen des Studiengang-Monitorings. Herausforderungen an ein
curriculares Qualitätsmanagement

17. Mai 2018, Experimentelle Fabrik Magdeburg

Monitoring: Ansätze zur Erhöhung des Studienerfolgs?
06. Oktober 2017, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Monitoring: Ein Beitrag zur Erhöhung des Studienerfolgs. Bestandsaufnahme, Bedingungen und Erfahrungen
25. November 2016, Freie Universität Berlin

Monitoring: Ein Beitrag zur Erhöhung des Studienerfolgs? Bestandsaufnahme,
Bedingungen und Erfahrungen

11. Dezember 2015, Freie Universität Berlin