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Impuls "Führt die Kompetenzorientierung zur Inkompetenz?"

Abstract von Prof. Dr. phil. Michael Kämper-van den Boogaart, Humboldt-Universität zu Berlin

Veränderungen im Bildungswesen basieren sehr wesentlich auf Einstellungen der Akteure. Man kann politisch oktroyieren, mit Incentives locken oder mit Evaluationen drohen, doch wenn das politisch oder ökonomisch Gewollte den Lehrenden nicht passt, dann wird es nichts werden mit den intendierten Innovationen. Das suspekte K*-Wort, so die Codierung an Deutschlands Schulen, ist
hierfür nur ein weiteres Beispiel.

Warum mögen viele meiner Kollegen an der Universität nicht auf
K verpflichtet werden? Meine These ist, dass die K-Semantik ihrem eigenen Überschwang erlegen ist und dass sie überdies als – möglicherweise immer harmloser wirkende – Variante einer Kolonialisierung akademischer Lebensformen wahrgenommen wird. Als typischer Hochwertbegriff wurde K ins Rennen geschickt: Alles prächtig, wenn nur die K stimmen. Auf die K kommt es an… Kein Wunder, dass die K-Komposita auf Inflationskurs gingen, sodass man eine regelrechte K-Industrie zu identifizieren meinte.

Hinzu trat der brachiale Fehler aller semantischen Revolutionen. Wo K alles neu macht wie der Mai, muss Altes und Sperriges beiseitegeschoben werden: Bildung, Wissen oder dessen Disziplinierung. Wenn es um K geht, kommt es auf Inhalte nicht so an, hörte man. Für die Insassen der Bildungsanstalten formte sich angesichts solcher Töne bald ein Verdacht: Soll K uns den Garaus machen? Dafür sprach, was als sprachpolizeiliche Verbotspolitik daherkam. Beschreibungen von Lehrveranstaltungen und Modulen hatten von Substantivierungen befreit zu werden, Suchbefehle wurden ausgegeben, um das Wort ‚Kenntnisse‘ so oft wie möglich zu tilgen. Wir stellen jetzt alles auf ‚can do‘-Formulierungen um, wurde verlautbart. Dem Grummeln der Insassen wurde mit Service begegnet. Den zwangsverpflichteten Curricularpoeten legte man Formulierungshilfen auf den Tisch. Anstelle vom Besitz vertiefter Kenntnisse in XY durfte nun versuchsweise geschrieben werden: mit großen Datenmengen umgehen können. Den Störrischen sprang man seitens der K-Wächter dergestalt beiseite und raunte ihnen nicht nur unter vorgehaltener Hand zu, dass sie doch eigentlich schon immer, gewissermaßen avant la lettre, k-orientiert gelehrt hätten. Nur die neue Form sei bitte sehr zu wahren.

So geschah es, dass die Werbekolonnen alles Widerständige ihres K-Produkts zerstörten, um es wohlfeil zu verkaufen. Statt auf akademische Kommunikation, nämlich auf Streit und Debatte, setzten diese Kolonnen auf die Technik semantischer Narkose. Damit bekam der K-Salat die pikante Note des Ridikülen. Zumindest glaubte man ein Schmunzeln auf den Gesichtern der Altinsassen zu sehen: Wenn K nur ein Wort ist, werden wir die K-Zeit auch überleben. Steht diese Vermutung erst einmal im Raum, fällt es schwer, auf Ernst umzustellen.

Das wird natürlich selbst für die schlaue K-Kritik ein Problem: Macht es noch Sinn, die K-Orientierung als humankapitalistischen Angriff auf die Autonomie der Hochschulen zu geißeln, wenn K regulativ nichts bedeutet? Macht es Sinn, die Vermessung von Bildungsprozessen als Frevel an den mythischen Bildungsidealen Humboldts zu geißeln, wenn die K-Konstrukte so unscharf und so holistisch geraten sind, dass man ihren Erwerbsgrad eh nicht zu messen vermag? Wenn das auch nur verdachtsweise so wäre, könnte man wahrlich diagnostizieren, dass eine gefällige K-Orientierung nicht nur die Kirche im Dorf lässt, sondern auch die Inkompetenz im unübersichtlichen Bildungsalltag. Nichts neu also im K-Mai?

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*K = Kompetenz