Das Projekt ist nexus ist seit dem 30. April 2020 abgeschlossen. Alle Informationen und Texte entsprechen dem Stand zum Projektende und werden nicht weiter aktualisiert.

Podiumsdiskussion "Führt die Kompetenzorientierung zur Inkompetenz?"

Statement von Prof. Dr. Andreas Musil, Universität Potsdam

These 1: Falsch verstandene Kompetenzorientierung führt zur Inkompetenz.
Gleichwohl der Begriff „Kompetenzorientierung“ seit langer Zeit diskutiert wird, gehen Auffassungen darüber, was „Kompetenzorientierung“ beinhaltet und wie Hochschullehre im Lichte dieses Konzeptes ausgestaltet sein sollte, zuweilen weit auseinander. Ein weitverbreitetes Missverständnis ist beispielsweise, dass sich Kompetenzen und Fachwissen gegenseitig ausschließen. So wird kolportiert, dass es bei Kompetenzorientierung vorrangig um die Vermittlung sogenannter „soft skills“ gehe und fachliche Fähigkeiten sowie Fachinhalte nur noch eine marginale Rolle einnähmen. Die universitäre Ausbildung leide unter dieser Vernachlässigung von Wissen. Dass die Bologna-Reform für die „Kundenmentalität“ von Studierenden verantwortlich sei, ist ein weiteres Gerücht, das sich hartnäckig hält. Das sogenannte studierendenzentrierte Lernen – ein Begriff, der mit dem Begriff der Kompetenzorientierung eng zusammenhängt und ebenso häufig missverstanden wird – trage dazu bei, dass sich Studierende immer mehr zurücklehnen und von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern erwarten, dass sie ihnen den Lernstoff in kleinen, möglichst unterhaltsamen Häppchen servieren. Dass studierendenzentriertes Lernen genau das Gegenteil meint, nämlich dass Studierende Lernprozesse eigenverantwortlich steuern und Lernstrategien wählen, die auf ein „deep learning“ abzielen, zeigt einmal mehr, dass viele Konzepte und Begriffe, die wir mit der Bologna-Reform in Verbindung bringen, falsch verstanden werden. Selbstverständlich hat Kompetenzorientierung etwas mit der Vermittlung von Fachwissen zu tun und das studierendenzentrierte Lernen ist von dem Ideal der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden nicht weit entfernt. Dass sich Kompetenzen schwer fassen lassen und eine Fülle an unterschiedlichen Kompetenzdefinitionen existiert, trägt nicht dazu bei, dass sich in absehbarer Zeit ein einheitliches Verständnis von Kompetenz und Kompetenzorientierung entwickeln wird. Bis dahin gilt es, Missverständnisse und Mythen über zentrale Konzepte der Bologna-Reform geradezurücken.

These 2: Kompetenzorientierte Lehre ist anspruchsvoll und erfordert eine höhere Lehrkompetenz.
Kompetenzorientierte und studierendenzentrierte Lehre – wenn richtig gemacht – ist anspruchsvoll, aufwändig und setzt bei Lehrenden voraus, dass sie Lernprozesse verstehen und wissen, wie sie diese initiieren können. Neben hochschuldidaktischem Basiswissen erfordert kompetenzorientierte Lehre überdies ein neues und für viele ungewohntes Rollenverständnis: „From the sage on the stage to the guide on the side.” (King, 1993) Beim kompetenzorientierten Lehren geht es um die Gestaltung von Lernumgebungen und weniger um den Transfer von Wissen vom Lehrenden auf den Lernenden. Die effektive Gestaltung von Lehr-Lernprozessen und die kompetenzorientierte Ausgestaltung von Studiengängen ist keine triviale Aufgabe. Hochschulen stehen in der Verantwortung, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Umsetzung dieser Aufgabe erfolgreich gelingen kann.