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Reflexion: One size does not fit all – Für eine zweckorientierte Praxis der Evaluation von Studium und Lehre

Prof. Dr. Jan Hense, Justus-Liebig-Universität Gießen

Der Fokus der Keynote lag auf der Entwicklung und Verwendung von Lehrveranstaltungsevaluationen (LVE): Diese sind als ein systematisches Instrument zur Einbeziehung der Studierendensicht möglicher Ausgangspunkt für Veränderungsimpulse in der Lehre. Derzeit werden LVE insbesondere in Form von „klassischen“ Fragebögen durchgeführt, die in den letzten Jahren aber zunehmend kritisch hinterfragt wurden. Hierbei gilt es zu unterscheiden, worauf sich die Kritik bezieht: auf das Instrument der Evaluation selbst oder auf die Verwendungdes Instruments.

Zum ersten Aspekt – das Instrument selbst wird kritisch gesehen – existieren eine Reihe unterschiedlicher Mythen und Vorurteile: Halten diese einer empirischen Überprüfung statt? So ist beispielsweise das Vorurteil, LVE seien den Launen der Studierenden unterworfen und nicht konsistent, empirisch nicht belegbar. Vielmehr gibt es eine hohe Stabilität der Bewertungen einer Lehrperson über verschiedene Kurse. Die Mythen, dass Pflichtkurse in LVE schlechter abschneiden und das Thema der Lehrveranstaltung einen Einfluss auf die LVE haben, können eher bejaht werden, auch wenn inkonsistente Befunde vorliegen und das Interesse am Thema einer Lehrveranstaltung als konsistenter Bias angesehen wird. Neben haltbaren Fakten und sich hartnäckig haltenden Mythen bleibt die Notwendigkeit, die Ergebnisse der LVE – meist Mittelwerte verschiedener Items – im jeweiligen Kontext und mit Bezug zum verfolgten Ziel zu interpretieren. Hierbei müssen die Lehrenden entsprechende Unterstützung erhalten, sodass nicht das reine Optimieren von Umfragewerten als Ziel empfunden wird. Die Qualität der Lehre sollte vielmehr das Ergebnis einer Koproduktion zwischen Studierenden und Lehrenden vor dem Hintergrund der jeweiligen Rahmenbedingungen sein.

Leistet das Instrument der LVE einen Beitrag zur Qualitätsverbesserung in der Lehre? In diesem Zusammenhang lassen sich zwei Brüche im Qualitätszirkel feststellen: Im Prozessschritt vom „Plan“ zum „Do“ fehlt ein gemeinsames Verständnis über „gute Lehre“, welches normative Vorgaben bedarf, und wie dieses erreicht werden kann. Beim Schritt vom „Check“ zum „Act“ stellt sich die Frage, wie die Ergebnisse der LVE reflektiert werden und welche Entwicklungsmöglichkeiten sowie Beratungsangebote bestehen.

Insgesamt könnte eine Koordination der Steuerungsinstrumente den gesamten Evaluationsprozess unterstützen, vor allem, um Entwicklungen zu induzieren. LVE als Kontrollinstrumente zu nutzen, etwa Personalentscheidungen an diese zu knüpfen oder interpersonelle Vergleiche anzustreben, ist nicht ratsam. Studierende sollen systematisch die Möglichkeit erhalten, Rückmeldung zur Lehre zu geben und Lehrende sollen ein Feedback zu ihrer Lehre erhalten, dieses aber fokussiert, mit klaren Zielen und nach einem klaren Konzept – Evaluation ist kein Selbstzweck. (Carolin Müller & Dr. Annika Pape)

nexus-Tagung „Praxistaugliche Verfahren zur Evaluation von Lehre und Studium“ an der Technischen Universität Braunschweig , 29. September 2017  zurück