„Entscheidend ist die Vertrauensbasis“

19. Juli 2019 - Interview Dr. Lukas Mitterauer

Im Rahmen des Projekts  STUDMON sind in Österreich derzeit 13 Universitäten am Aufbau eines Studierendenmonitorings beteiligt.

Welche Ziele und Erwartungen verfolgt die Universität Wien im Rahmen von STUDMON?
In Österreich gibt es eine individuelle lebensbegleitende Matrikelnummer für Studierende, die uns als zuverlässige Datenbasis zur Analyse der Bildungswege von Studierenden zur Verfügung steht: Im Rahmen des vom Bildungsministerium finanzierten Projekts STUDMON werden Daten aus der Hochschulstatistik mit Daten der Sozialversicherungsträger verknüpft. Dabei geht es vor allem um die Identifikation von Merkmalen, die Einfluss auf Studienerfolg, Studienwechsel und Studiendauer haben können. Konkret werden Merkmale wie Geschlecht, Alter bei Studienbeginn, schulische Vorbildung oder ähnliches berücksichtigt. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Zusammenhang von Erwerbstätigkeit während des Studiums und Studienfortschritt. Wir können analysieren, in welchem Rahmen unsere Studierenden erwerbstätig sind, ob es sich dabei um geringfügige Beschäftigungen, Teilzeit- oder Vollzeittätigkeiten handelt, was die Studierenden verdienen und ob sie beispielsweise Kinder haben.

Das alles sind natürlich sehr interessante Daten für uns, die wir für die Weiterentwicklung unserer Studienprogramme und unseres Qualitätsmanagements nutzen werden. Allerdings bin ich skeptisch gegenüber einer allzu technokratischen Sichtweise. Studienerfolg und -abbruch sind komplexe Themen. Monitoring-Daten können wichtige Hinweise geben, aber die kausalen Zusammenhänge sind nicht so einfach abzuleiten, wie dies von manchen Stellen gewünscht wird.  

Werden im Rahmen von STUDMON auch weitere Daten erhoben, etwa durch Befragungen?
Nein, wir greifen ausschließlich auf Verwaltungsdaten zurück. Das ist aus meiner Sicht auch ein großer Vorteil. Befragungsdaten sind immer ungenau. Beispielsweise ist bei der Studierenden-Sozialerhebung unter anderem der geringe Rücklauf ein Problem. Auch Befragungen, die auf Selbsteinschätzungen beruhen, sagen aus meiner Sicht nicht viel aus. 

Die Universität Wien will durch Monitoring mehr über ihre Studierenden erfahren. Foto: © Barbara Mair für Universität Wien

Warum hat sich die Universität Wien als größte Universität Österreichs für das Monitoring von Studienverläufen einem Hochschulnetzwerk angeschlossen? Wo liegen hier Vorteile, aber auch Herausforderungen? 
Die österreichischen Universitäten haben sich schon 2007 in einem Netzwerk für Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung zusammengeschlossen. Die an STUDMON beteiligten Universitäten bilden eine Arbeitsgruppe, die sich vorwiegend aus Personen aus diesem Netzwerk speist. Für die Universität Wien war es keine Frage, sich hier zu beteiligen, auch wenn die Herausforderungen kleinerer Universitäten sicherlich andere sind als an unserer Institution mit mehr als 90.000 Studierenden.

Gerade in der Pilotphase war der Austausch besonders wichtig: In mehreren gemeinsamen Workshops wurden sowohl die konkreten Daten und Auswertungen festgelegt als auch die Ergebnisse interpretiert und nach gemeinsamen Mustern untersucht. Es ging unter anderem darum, welche Rückschlüsse bestimmte Kenndaten auf die Situation der Studierenden zulassen und auf welchem Abstraktionsniveau die Daten ausgewertet werden können, etwa wo es Sinn macht, verwandte Studienrichtungen oder mehrere Studierendenkohorten zusammenzufassen. Das Projekt ist zudem so angelegt, dass die teilnehmenden Universitäten ihre eigenen Daten und die Vergleichsdaten über alle teilnehmenden Universitäten hinweg erhalten. Wer nicht mitmacht, erhält diese Daten nicht. Nicht zuletzt deshalb ist das Interesse, dabei zu sein, groß. Wir sind mit neun Universitäten gestartet und es kommen immer mehr dazu. Es ist spannend zu sehen, wie alles zusammenwächst.

Können Sie bereits über Ergebnisse berichten?
Bisher wurden die Datendefinitionen weitgehend abgeschlossen und für ausgewählte Pilotstudienrichtungen liegen erste Auswertungen vor. Diese werden in weiterer Folge nun innerhalb der einzelnen Universitäten diskutiert. Es wird deutlich, dass die gemeinsame, vergleichbare Datendefinition dazu beitragen wird, bisher nicht beantwortbaren Fragen, wie etwa Studienwechsel zwischen den Universitäten und deren Folgen am Arbeitsmarkt, nachzugehen.

Welche Tipps haben Sie für deutsche Hochschulen, die ein Monitoring in Hochschulnetzwerken aufbauen wollen?
Entscheidend ist die Vertrauensbasis! Ein bestehendes Netzwerk, in dem sich die beteiligten Personen kennen, ist eine gute Voraussetzung. Damit der Austausch vertrauensvoll und auf Augenhöhe stattfinden kann, müssen auch die jeweiligen Hochschulleitungen mitziehen und ihren Vertreterinnen und Vertretern Handlungsspielräume zugestehen. Keine Einrichtung sollte gezwungen werden, sich an einem Monitoring-Netzwerk zu beteiligen. Eine wichtige Gelingensbedingung ist, dass Studierenden-Monitoring als Transparenzinstrument und nicht wettbewerblich im Sinne eines Rankings begriffen wird.

Dieses Interview ist zuerst im nexus-Newsletter erschienen. Die Fragen stellte Dorothee Fricke.

Dr. Lukas Mitterauer

Dr. Lukas Mitterauer ist stellvertretender Leiter der „Besonderen Einrichtung für Qualitätssicherung“ an der Universität Wien und dort unter anderem für das hochschulübergreifende Monitoringprojekt STUDMON verantwortlich.