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Wie organisieren wir das Studium der Zukunft?

30. März 2020 – Prof. Dr. Dominic Orr

Herr Prof. Orr, wie sieht das Studium in 10 Jahren aus?

Meine Einschätzung ist, dass es dann nicht nur das eine Studium und die eine Studienorganisation gibt. Zurzeit haben wir rund 3 Mio. Studierende, die alle im Grunde in der gleichen Ordnung studieren. Das Studium in 10 Jahren ist dagegen vielfältiger: Es wird verschiedene Einstiegsmöglichkeiten geben, bessere Anerkennung von dem, was Lernende vorher gelernt und erfahren haben, und mehr Durchlässigkeit zwischen dem, was man im Studium lernt und dem, was man in der "richtigen" Welt oder im Beruf gelernt oder erfahren hat.

In der AHEAD-Studie haben Sie und Ihre Mitautoren die verschiedenen Organisationsformen des Studiums nach Spielzeugen benannt. Demnach steht das „Tamagochi“-Prinzip für das gegenwärtige Studienmodell. Es bildet ein geschlossenes System, das es auch in Zukunft noch geben wird. Hinzu kommen die Modelle „Jenga“ und „Lego“. Dabei steht „Jenga“ für Studium als Sockel, auf dem Zusatzqualifikationen aufbauen, und „Lego“ für ein frei zusammenstellbares Studium.

Die Einfachheit des bisherigen Studiums ist für bestimmte Lerntypen gut geeignet, insbesondere für jüngere Leute, die sich noch nicht ganz entschieden habe, was sie später im Beruf machen wollen und die daher mehr Unterstützung brauchen. Für die passt das bisherige Modell ganz gut.

Für die diejenigen, die sagen, ich möchte einen Sockel haben und dann schnell in die Welt gehen, aktiv am Arbeitsmarkt und der Gesellschaft teilhaben, für diese Gruppe ist „Jenga“ interessanter. Zum Teil studieren viele jetzt schon so ein bisschen nach dem „Jenga“-Modell. In Europa arbeiten 51% aller Studierenden neben dem Studium. Wir haben also diese Art der Diversifizierung des Studierens bereits, ohne dass wir das organisatorisch anerkannt haben. Deswegen denken wir, dass insbesondere das „Jenga“-Modell in Zukunft besonders wichtig sein wird.

Beim „Lego“-Modell ist es etwas anders. „Lego“ haben wir heute auch schon, besonders in Bereichen, in den Personen tätig sind, die keinen etablierten Studienweg gehen. Nehmen wir als Beispiel die Informatik. Es gibt zwar ein Informatik-Studium, aber es gibt immer neue Kenntnisse, die man für die Arbeitswelt braucht, beispielsweise die Blockchain-Technologie. Insofern studieren diejenigen, die Informatik studieren, nebenbei auch viele andere Themen. Eigentlich brauchen wir eine Hochschule, die inklusiv ist und wirklich auf die Lernenden zugeht. Dann sollten wir erstmal empirisch schauen, wie sie wirklich lernen. Dann kann man auswerten, welche Modelle am besten passen. So lösen wir ein paar Probleme, die wir seit mindestens 20 Jahren kennen, wie z.B. die soziale Inklusion im Studium, die in Deutschland und in fast allen anderen Ländern schwierig ist. Ein anderes Problem ist die Frage des Studienabbruchs. Diese Probleme sind durch die Umstände bestimmt, unter denen die Studierenden lernen, und die Motivation der Studierenden, die wir dabei zu wenig berücksichtigen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann sagen Sie: Die Hochschulen müssen nachvollziehen, was die Studierenden längst tun. Sie sind nach Ihrer Meinung nicht gut genug darauf vorbereitet, ihre Strukturen anzupassen. Wenn man das international betrachtet: Wo sehen Sie die deutschen Hochschulen im Vergleich zu anderen Ländern innerhalb und außerhalb Europas?

In allen Hochschulsystemen der Welt findet man alle drei Formen der Hochschulbildung. Der Zuwachs der Studierenden hat in Deutschland relativ spät stattgefunden. Viele andere Länder haben viel früher diesen Anstieg gehabt und sind dann auch früher auf die Unterschiede bei den Studierenden eingegangen. Wenn es um den Fokus auf Lernende geht, wenn es darum geht, das Umfeld der Hochschule einzubeziehen, dann sind die angelsächsischen Hochschulsysteme besser, auch die skandinavischen Länder. In der Tat haben wir in Deutschland noch Hausaufgaben zu machen. Ein guter Weg war der Qualitätspakt Lehre. Das hat relativ viel gebracht, weil dort Geld eingesetzt wurde, um genau auf diese Probleme eingehen zu können.

Heute stehen die Abiturienten oft vor der Schwierigkeit, sich für ein Studienfach zu entscheiden. Die Studieninteressierten können zwischen mehr als 10.000 grundständigen Studiengängen wählen. Wenn das Wirklichkeit wird, was Sie prophezeien, dann wird die Studienwahl in Zukunft nicht einfacher.

Vor 20 Jahren hatten wir große Studiengänge mit sehr vielen Nebenfächern. Die große Heterogenität haben wir damals nicht so klar gesehen wie jetzt, wo wir mehr als 10.000 Studiengänge haben. Ein Studienanfänger hatte sich z.B. erstmal für das Biologiestudium entschieden und sich dann überlegt, wo der Schwerpunkt sein soll. Jetzt ist es schwieriger, denn jetzt muss man von Anfang an sagen, welche konkrete Studienrichtung man innerhalb der Biologie studieren will. Daher ist es jetzt schon so, dass Studieninteressierte mehr Beratung brauchen und mehr Möglichkeiten haben sollten, ihre erste Entscheidung zu revidieren. Wenn wir in Zukunft noch flexibler sein wollen, dann geht das nur, wenn wir die Studienberatung als Teil des Lernprozesses begreifen. Bislang haben wir das immer ausgelagert. Man studiert und wenn man Probleme hat, dann geht man in die Studienberatung. Die Studienberatung soll klären, was man didaktisch sinnvoll als nächsten Schritt machen kann. Das wird in Zukunft Teil des Lernprozesses sein, denn nur so kann man das bewältigen. Dann können innovative didaktische Modelle, Learning analytics oder künstliche Intelligenz ebenfalls dabei helfen. Die Beratung, das wissen wir aus dem Qualitätspakt Lehre, ist schwer skalierbar. Das ist vielleicht ein Grund, warum wir bestimmte Sachen in den letzten 20 Jahren nicht angegangen haben.


Wenn wir jetzt noch einmal auf das Thema Fächer schauen, dann geht das, was sie beschreiben eher in Richtung einer Aufweichung, einer Auflösung der Fächer, weil alles miteinander zusammenhängt und alles miteinander verbunden werden kann. Kann es sein, dass unter dem Aspekt der Orientierung das Fach in Zukunft sogar wichtiger wird, als bislang?

Ich sehe das ähnlich. Die Zugehörigkeit zu einem Fach bietet eine bestimmte Perspektive auf die Welt und ist meistens mit einer Präferenz für bestimmte methodische Vorgehensweisen verbunden. Das gibt Orientierung. Dabei bleibt die Frage, wie man das am besten organisiert. Es gibt viele Länder der Welt, z.B. die USA, wo man sich erst im zweiten Jahr für eine Disziplin entscheidet. Oder sollte das genau andersherum organisiert sein: zuerst die engere fachliche Perspektive, danach die Ausweitung? Das sind alles große didaktische Fragen, auf die man eingehen muss. Und noch eine weitere Frage dazu: Für diejenigen, die nicht gleich mit einem grundständigen Studium beginnen – müssen Lernende an einer Hochschule eingeschrieben sein, um zu einem Fachbereich zu gehören? Das ist auch eine Frage der Zugehörigkeit zu einer akademischen Kultur.


Sie hatten am Anfang des Interviews Herausforderungen genannt, etwa dass das Studium vielfältiger wird, die Anerkennung und die Durchlässigkeit verbessert werden müssen. Das scheinen Bereiche zu sein, die sich im Prinzip ganz gut organisieren lassen. Kann dagegen Orientierung und Beratung nur mit viel Personal bewältigt werden?

Ja, oder indem man darüber nachdenkt, wie man Beratung skalieren kann. Es gibt viele Hochschulen, die im Rahmen des Qualitätspakt Lehre Programme entwickelt haben, bei dem Studierende anderen Studierenden als Mentoren dienen. Das muss man nicht physikalisch organisieren. Man kann sich auch überlegen, wie man es über digitale Vernetzung gewährleisten kann.

Organisatorisch flexibler zu sein, ist wahrscheinlich nicht mal die halbe Miete. Was uns wirklich interessiert: Was ist Hochschulbildung? Was macht einen Hochschulstudierenden aus und was einen Absolventen? Jenseits aller neuen Organisationsformen müssen wir sehen, dass sich viele, die sich als Studierende einschreiben, auch genau diese Qualität des Hochschulabsolventen erwerben. Insofern finde ich, dass die Fragen der Digitalisierung und der Flexibilisierung uns noch deutlicher, als in den letzten 20 Jahren, zurück auf die grundlegenden Fragen bringen. Erst dann können wir überlegen, welche Reformen Sinn machen und welche Reformen sicherstellen, dass es um Hochschulbildung geht. Wenn man sich die Digitalisierung anschaut, dann stellt man fest, dass die Rezepte von heute, denen von vor 20 Jahren sehr ähnlich sind. Nur die Technologie hat sich weiterentwickelt und die Welt in der wir jetzt leben. Digitalisierung ist viel präsenter, sie ist heute allgegenwärtig. Eine Hochschule ist natürlich in der Welt und muss das anerkennen. Gleichzeitig muss sie schauen, wie sie die Welt beeinflussen kann. Wenn wir über Flexibilität sprechen, dann müssen wir über Didaktik sprechen. Was wir nicht wollen: Das wir alles derart flexibilisieren, dass es keine Hochschule oder keine Hochschulbildung mehr gibt.


Es wurde nur das Medium gewechselt, aber nicht der Inhalt?

Das ist die große Problematik, sich noch einmal zurückzubesinnen auf die Hochschulbildungsfragen, anstatt sich nur auf die Technik zu fokussieren. Viele Hochschulen denken noch zu wenig an die Qualität der Lernumgebung.


Letztes Jahr haben wir 20 Jahre Bologna-Reform gefeiert. Gibt es den Bachelor und den Master in 10 Jahren noch?

Ja, es wird sie auch in 10 Jahren noch geben, weil sie einen Wiedererkennungswert haben. Was im Bachelor oder Master drinsteckt, wird sich ändern, aber die Bezeichnungen und die Niveauunterschiede werden bleiben. Das Problem mit der Entwicklung der letzten 20 Jahre war nicht, dass wir versucht haben, die Niveaus zu standardisieren, sondern wir haben ganz neue institutionelle Steuerungsmodelle umgesetzt. Das hat alles Sinn gemacht hat, weil wir in dieser Zeit den Hochschulen auch mehr Autonomie gegeben haben. Viele dieser Instrumente wirken jetzt sehr normativ auf das, was die Hochschulen machen können. Ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Flexibilität im Studium ist auf der einen Seite die Qualitätssicherung und auf der anderen Seite die Organisation der Hochschulfinanzierung. Ein Indikator, der beispielsweise zur leistungsbezogenen Mittelverteilung verwendet wird, ist die Anzahl der Absolventen. Wenn man nur auf Absolventenzahlen fokussiert, dann ist es für die Hochschulen wichtig, die Studierenden in der eigenen Hochschule zum Abschluss zu führen. Das wirkt gegen die Flexibilisierung.

Also ist ein Ergebnis der Bologna-Reform, dass sich die Strukturen so gut auf die Reformen eingestellt haben, dass sie jetzt Freiräume behindern?

Ja, und zwar nicht, weil Hochschulen das wollen, sondern weil die Qualitätssicherungsagenturen und der Staat sich das ein bisschen einfach gemacht haben. Der Bologna-Prozess ist aber auch deshalb interessant, weil er ein gutes Forum ist, wo die 48 Länder des europäischen Hochschulraums genau über diese Fragen diskutieren.

Die Fragen stellte Wilhelm Schäfer

Prof. Dr. Dominic Orr

Prof. Dr. Dominic Orr hat an der Technischen Universität Dresden in Vergleichender Erziehungswissenschaft promoviert und ist Professor für Bildungsmanagement an der Universität Nova Gorica. Von 2015 bis Anfang 2019 war er Projektleiter und Senior Researcher beim FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie und ist derzeit Research Lead am Kiron Open Higher Education. Darüber hinaus hat er sich mit dem Zusammenhang zwischen Forschung, Politik und Praxis in vielen internationalen Kontexten beschäftigt, u.a. als Consultant für die OECD, die UNESCO und die Weltbank.