Profitieren Studium und Lehre von der Hochschulforschung?

30.07.2019 - Prof. Dr. Anke Hanft

Das Problem ist bekannt: Mit erheblichen finanziellen Mitteln werden Projekte zur Weiterentwicklung von Studium und Lehre gefördert, ohne dass ihre oftmals interessanten und durchaus praxisrelevanten Ergebnisse zu nachhaltigen, über Einzelinitiativen hinausreichenden Veränderungen führen. Weshalb der Praxistransfer von Projektergebnissen so schwierig ist wurde in der Organisationsforschung vielfach untersucht und mit Blick auf Hochschulen mit den Besonderheiten dieser Institutionen erklärt. Welche Schlussfolgerungen hieraus für ein Gelingen des Praxistransfers zu schließen sind, ist bislang wenig untersucht. Den Gelingensbedingungen des Praxistransfers größere – wissenschaftliche – Aufmerksamkeit zu schenken, würde auch die – praktische – Relevanz der Hochschulforschung befördern.

Die Hochschulforschung leistet einen wichtigen Beitrag zur theoretischen Fundierung und empirischen Erforschung des Hochschulsystems. Nur sehr selten dringen ihre Ergebnisse aber über die einschlägige wissenschaftliche Community hinaus in die Hochschulpraxis vor. Dies legt die Forderung nach einer stärkeren Gewichtung der Transferproblematik nahe und spricht dafür, diese in Forschungsvorhaben zu integrieren. Konkret bedeutet dies, das eigene wissenschaftliche Erkenntnisinteresse um die Relevanzfrage zu erweitern, also der Frage größere Aufmerksamkeit zu widmen, wie über die Scientific Community hinaus auch die Hochschulpraxis von den Forschungsergebnissen profitieren kann und hierzu einen eigenen Beitrag zu leisten.

Die Koordinierungsstelle der Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre (KoBF)

Neben forschenden und forschungskoordinierenden Aufgaben hat sich KoBF zum Ziel gesetzt, die nachhaltige Wirkung und den Transfer der Ergebnisse der Begleitforschung zu befördern und so aktiv in die Hochschulentwicklung zu wirken. Quelle: koBF

Dies ist allerdings leichter gesagt als getan, wie die Transferprojekte in der Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre (QPL) erkennen müssen. Erstmalig fördert das BMBF mit diesen Projekten nicht nur einzelne Forschungsvorhaben, sondern in Anschlussvorhaben auch den Transfer ihrer Ergebnisse. Diesen Folgeprojekten waren viele Diskussionen, Workshops und Expertenanhörungen zu Möglichkeiten der Transferförderung vorausgegangen (zu den Veranstaltungen der Koordinierungsstelle), in denen Transfer-Erfahrungen aus der Perspektive unterschiedlicher Stakeholder ausgetauscht wurden und unter anderem in Positionspapiere einflossen. Eine der wiederkehrenden Fragen war dabei, was denn unter der Hochschulpraxis zu verstehen ist und wie diese erreicht werden kann. Wer ist in Hochschulen für Reformen in Studium und Lehre verantwortlich? Wo sind die Adressaten der Hochschulforschung, wenn es um die Unterstützung und Implementierung von Veränderungen geht? Und weitergehend die Frage: Wie interessiert sind Hochschulen eigentlich an der nachhaltigen Weiterentwicklung von Studium und Lehre?

Praxisgerechte Aufbereitung und passende Kommunikationsformate
Im Kern geht es darum, wie veränderungsbereite Akteure in der Hochschulpraxis identifiziert und wie diese bei der Umsetzung von Reformen unterstützt werden können. Hier setzt die Transferstrategie der Koordinierungsstelle der QPL-Begleitforschung (KoBF) an: Die Sichtbarkeit der Forschungsergebnisse soll über die Scientific Community hinaus für relevante hochschulinterne Zielgruppen erhöht und die Kommunikation mit veränderungsbereiten hochschulinternen Akteuren befördert werden. Hierzu wurden von den Transferprojekten ihre Forschungsergebnisse praxisgerecht aufbereitet und an relevante, zuvor sorgfältig ausgewählte hochschulinterne Einflussgruppen disseminiert. Über zwei verschiedene internetbasierte Kommunikationsformate konnten relevante Zielgruppen in einschlägigen Netzwerken zusammengeführt werden. In Einzelfällen boten die Transferprojekte zudem Vor-Ort-Beratungen und –Unterstützungen an.

Auch wenn die Vorhaben noch nicht abgeschlossen sind, können wir bereits heute feststellen, dass mit kleinen zielgruppenbezogenen Formaten die in den Hochschulen adressierten Zielgruppen besser erreicht werden können als mit zeitaufwändigen Tagungen oder umfangreichen wissenschaftlichen Publikationen. Vor allem Webinare  können problemlos in den Arbeitsalltag integriert werden und bieten eine Plattform für den Austausch unter Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im besten Fall sind sie geeignet, Communities of Practice zu initiieren, die Prozesse des voneinander Lernens befördern. Die Hochschulforschung und Hochschuldidaktik liefern mit ihren Ergebnissen hierfür den Anstoß.

Transfer durch Webinare

KoBF unterstützt die projektspezifischen Transferaktivitäten u.a. durch die gemeinsame Durchführung von Webinaren, in denen die Inhalte und Erkenntnisse aus den Transfervorhaben praxisnah vermittelt werden.
Vier Webinare wurden im Juni 2019 bereits durchgeführt.

Ausgehend von unseren überaus positiven Erfahrungen mit den bisher durchgeführten vier Transfer-Webinaren erweisen sich folgende Gelingensbedingungen als besonders relevant:

  1. Webinare zielgruppenbezogen konzipieren und umsetzen,
  2. Inhalte an der Praxis orientieren und anwendungsbezogen aufbereiten,
  3. Webinar-Teilnehmende miteinander ins Gespräch bringen,
  4. Ergebnisse sichern, dokumentieren und allen zugänglich machen.

Die Erfahrungen mit den Webinaren werden fortlaufend evaluiert und fließen in die Planung der im Herbst stattfindenen Transfer-Webinare ein.

Um den Erfolg solcher Maßnahmen langfristig zu sichern, sind in Hochschulen allerdings entsprechende Unterstützungsstrukturen bereitzustellen. Mit dem QPL fließen erhebliche Mittel in die Hochschulen, die Reformen in Studium und Lehre befördern sollen. Würde es gelingen, die bislang weitgehend entkoppelt agierenden QPL-Projekte mit konkreten, von den Fakultäten und ihren reformbereiten Akteuren betriebenen Veränderungsvorhaben zu verknüpfen, könnte auch die hochschulinterne Bereitschaft zur nachhaltigen Neuerung befördert werden. Der Weg zu einem systemischen, von außen angeregten Veränderungsmanagement wäre greifbar nahe.

 

Weitere Informationen:

Experteninterview Projekt HeLGA: Heterogenitätsorientierte Lehre – Gelingensbedingungen und Anforderungen

Experteninterview Projekt FideS „Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase“

 

 

Prof. Dr. Anke Hanft

Bild: ©Universität Oldenburg, Stefanie Peters

Prof. Dr. Anke Hanft ist Professorin für Weiterbildung und war bis zum April 2019 wissenschaftliche Direktorin des Centers für Lebenslanges Lernen (C3L) an der Universität Oldenburg. Zudem leitete sie bis zum Juni 2019 das Schulenberg-Institut für Bildungsforschung und Erwachsenenbildung (ibe). Sie ist Präsidentin der Österreichischen Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung (AQ Austria). Von 2011 bis 2015 verantwortete sie die wissenschaftliche Begleitung des Bund-Länder-Programms „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. Aktuell koordiniert sie die Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre.