Neuerscheinungen: Die Studieneingangsphase im Fokus

21.06.2019 - Dr. Peter A. Zervakis

Vor dem Hintergrund der Fortsetzung des Hochschulpakts in Gestalt des neuen Bund-Länder-„Zukunftsvertrags“, der insbesondere die Lehrqualität verbessern soll, und der aktuellen Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK), wonach die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger bis mindestens 2030 weiterhin hoch bleiben wird, stehen die Hochschulen unter enormen öffentlichem Erwartungsdruck, möglichst viele Studierende erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Dabei kommt der Studieneingangsphase eine besondere Bedeutung zu, weil hier die Weichen für ein erfolgreiches Studium gestellt werden. Mittlerweile herrscht weitgehend Konsens darüber, dass der Studieneingang neugestaltet werden muss. Allerdings gibt es sehr unterschiedliche Projekte, Lösungsansätze und Erkenntnisse, wie dies angesichts der Vielfalt der Hochschulprofile erfolgreich vor Ort zu bewerkstelligen ist. Drei aktuelle Veröffentlichungen erschließen den Gegenstand auf je eigene Weise, kommen bei aller Perspektivenvielfalt aber zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Professionalisierung des Übergangs von der Schule zur Hochschule

Angesichts der herkulischen Herausforderungen richten die Herausgeberinnen des mit Unterstützung des Stifterverbands entstandenen Sammelbandes Der Übergang in die Hochschule. Strategien, Organisationsstrukturen und Best Practices an deutschen Hochschulen ihren Fokus auf die hochschulinternen Organisationsstrukturen und deren Akteure, die sie als Lehrende und Forschende in den Erziehungswissenschaften sowie als Managerinnen aus den jeweiligen Schalt- und Schnittstellen der Hochschulsteuerung heraus gut kennen.

Die Autorinnen und Autoren der insgesamt 16 teils theoretischen, teils empirisch-praktischen Beiträge bringen ihre unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Expertisen ebenso ein wie ihre beruflichen Erfahrungen. Sie sind sich in ihren Befunden weitgehend einig: Wenn der Übergang von der Schule zur Hochschule gelingen soll, dann sind alle Ebenen der Institution Hochschule besonders gefordert von der Leitung über die zentralen Angebote bis hin zu den dezentralen Einrichtungen in den Fakultäten und Fachbereichen sowie der Drittmittelprojekte. Deren Akzeptanz für notwendige Veränderungen verbessert sich dabei wesentlich mit Hilfe von kontinuierlicher „wissenschaftlicher Begleitung“ und „gegenseitigem Austausch über (erfolgreiche) Maßnahmen für eine strukturelle wie strategische Verankerung“ (S. 7).

In der Tat ist der Sammelband für die verschiedenen „Communities“ an den Hochschulen von großem Nutzen, weil er einerseits „die Vielfalt der strukturellen und strategischen Aufgaben der Organisation Hochschule am Übergang von der Schule zur Hochschule“ transparent macht und andererseits sinnvolle Anregungen zur weiteren Professionalisierung in der Ausgestaltung des Übergangs von der Schule zur Hochschule „innerhalb des komplexen Hochschulmanagements“ gibt (S. 22).

Konkreter Praxistransfer an Partnerhochschulen

Das an der Universität Hamburg angesiedelte QPL-Forschungsprojekt StuFHe (Studierfähigkeit – Institutionelle Förderung und studienrelevante Heterogenität) hat die Bedingungen für gelingendes Studieren in der Studieneingangsphase untersucht und empirisch fundierte Hinweise für die Neugestaltung der Studieneingangsphase gewonnen. Dazu wurden an zwei Universitäten und zwei Fachhochschulen qualitative Befragungen mit quantitativen Erhebungen kombiniert, an denen sowohl Studierende als auch Verantwortliche für Studieneinstiegsangebote teilgenommen haben. Die frisch publizierten Ergebnisse und Anregungen geben einerseits Einblick in individuelle Studienziele und Studienanforderungen, andererseits beleuchten sie die Gestaltung, Nutzung und Wirkungsweisen der unterschiedlichen Studieneinstiegsangebote. Darüber hinaus zeigen sie, welche Rolle Heterogenität für gelingendes Studieren spielt und wie Studieneinstiegsangebote zum Umgang mit Heterogenität beitragen.

Der konkrete Praxistransfer anhand von gelungenen Beispielen aus den Partnerhochschulen macht insbesondere transparent, wie die StuFHe-Befunde im Einzelnen vor Ort an den Partnerhochschulen genutzt wurden, um gerade auch die ortsspezifischen, nicht immer ohne weiteres übertragbaren Studieneinstiegsangebote weiterzuentwickeln. Dabei konnten die so bereits erprobten Befragungsinstrumente in die jeweiligen hochschuleigenen Erhebungsinstrumentenkästen übernommen werden. So können auch nach Projektende konkrete Hinweise für die Studiengangs­entwicklung gewonnen werden. Darüber hinaus belegen die Beispiele (ab S. 80) eindrucksvoll, „dass die StuFHe-Ergebnisse und Untersuchungsverfahren nicht nur in einzelne Forschungs- und Entwicklungsvorhaben der Partnerhochschulen eingeflossen sind, sondern auch den weiteren Diskurs und die Zusammenarbeit rund um die Studieneingangsphase angeregt haben“ (S. 82).

Neugestaltung der Studieneingangsphase reicht nicht aus

Ziel eines Sammelbandes aus der Reihe der Potsdamer Beiträge zur Hochschulforschung ist es, die hochschulpolitische Debatte zum Studieneingang um eine eigene umfassende Zwischenbilanz der an der Universität Potsdam erprobten Maßnahmen zu bereichern. Mit Hilfe von 21 zum größeren Teil empirischer Studien werden hier vielfältige Perspektiven auf den Studieneingang kritisch reflektiert und transfertaugliche, konkrete Empfehlungen zur flächendeckenden Verbesserung des Studieneingangs gegeben. Dabei ergänzen Beiträge unterschiedlicher Herkunft (TU Berlin, BTU Cottbus-Senftenberg, Österreich und Russland) die Untersuchungsergebnisse der Potsdamer Forschergruppe.

Auch für diese „Beschreibung von umgesetzten (drittmittelgeförderten) Maßnahmen und Projekten der Universität Potsdam“ (S. 11) sind „Evidenzbasierung und die Berücksichtigung dieser Evidenzen in der wissenschaftsadäquaten Gestaltung von Ansätzen in Lehre und Studium“ (S. 12) wegweisend. Hier sind es die Ergebnisse des QPL-Forschungsprojekts „StuFo – Der Studieneingang als formative Phase für den Studienerfolg“, an dem die Universitäten Potsdam, Mainz und Magdeburg maßgebend beteiligt waren. Sie bilden den roten Faden, der die sehr unterschiedlichen Beiträge zusammenhält und zuverlässig Auskunft über die tatsächlichen Gelingensbedingungen und Wirksamkeit der Interventionen gibt. So wird bei Laura Wagner (S. 121ff.) und Friederike Schulze-Reichert (S. 209ff.) erkennbar, dass „Maßnahmen eine größere Wirksamkeit erlangen, je passgenauer sie auf die jeweiligen (fachspezifischen) Problemkonstellationen der Studienanfänger/-innen abgestimmt sind [...] Um ein bedarfsgerechtes Angebot bereitstellen und gezielt auf die Belange der Studierenden reagieren zu können, sollten bei der Angebotsentwicklung und -steuerung sowohl Forschungs- und Evaluationsergebnisse als auch individuelle Bedarfsanalysen mit Studierenden verstärkt Berücksichtigung finden sowie eine entsprechende Flexibilität des Lehrplans gewährleistet sein.“ (S. 367)

An den umfangreichen, v.a. praktischen Handlungsempfehlungen der Projektverantwortlichen zur Weiterentwicklung der Studieneingangsphase an Hochschulen (S. 355-369) wird vor allem eines überdeutlich: Studieneingangsmaßnahmen dürfen nicht mehr nur „isoliert betrachtet werden“ (S. 366). Da der Studienerfolg ein „multifaktorielles Konstrukt“ (ebenda) ist, kann eine wirksame Neugestaltung der Eingangsphase nur mit einer umfassenden Reform des gesamten Studiums gelingen.

Besprechung: Dr. Peter A. Zervakis, stellvertretender Projektleiter nexus