Lernen ohne enge Fachschranken

10. April 2019 - Prof. Dr. Jo Ritzen

Die deutschen Hochschulen sind bei der Umsetzung der kompetenzorientierten Lehre und des interdisziplinären Projektstudiums auf einem guten Weg. Davon konnte ich mich zum Beispiel Ende vergangenen Jahres an der Universität Siegen überzeugen, wo ich zum „Tag der Lehre“ eingeladen war. Ich freue mich auch sehr, dass die HRK mit dem Projekt nexus das Thema „Interdisziplinarität in der kompetenzorientierten Lehre“ aufgegriffen hat. Gerne möchte ich Hochschulleitungen, Studienganggestaltern, Lehrenden und den Entscheidern in der Politik mit auf den Weg geben, hier noch mutiger zu sein und das interdisziplinäre Projektstudium viel stärker in den Curricula zu verankern.   

Zum einen bin ich überzeugt, dass junge Leute interdisziplinär und ohne zu enge Fachschranken lernen wollen. Nach meinem eigenen Abitur habe ich mich für die Schauspielschule und für ein Physikstudium beworben, welches ich parallel absolvieren wollte. Leider hat das nicht geklappt, dennoch habe ich mir den Blick über mein eigenes Fach hinaus immer bewahrt – und das war gut so. 

Studierende am University College der Universität Maastricht: Durch eine multidisziplinäre Herangehensweise lernen die Studierenden hier auf besondere Art und Weise, Probleme zu analysieren und disziplinübergreifend zu lösen. Bild: Philip Driessen

In meiner Zeit als niederländischer Bildungsminister wurden an etwa 15 Universitäten sogenannte University Colleges mit fachübergreifenden Bachelorstudiengängen eingerichtet. Durch eine breitgefächerte und multidisziplinäre Herangehensweise lernen die Studierenden hier auf besondere Art und Weise, Probleme zu analysieren und disziplinübergreifend zu lösen. Vergleicht man die Ranking-Ergebnisse der College-Studiengänge mit denen „normaler“ Fachstudiengänge, werden erstere fast durchweg besser bewertet.

Natürlich ist das interdisziplinäre Lernen auch eine der wichtigsten Anforderungen unserer modernen Gesellschaft und Arbeitswelt: Viele der sogenannten „Soft Skills“ – Kommunikation, Teamfähigkeit, kritisches Denken – erwirbt man am besten, indem man mit anderen an einem Problem oder einem konkreten Fall arbeitet.

Studien haben ergeben, dass Studierende aus Vorlesungen nur etwa fünf Prozent behalten, während dieser Wert im anwendungsorientierten Projektstudium auf 75 Prozent steigt. An der Universität Maastricht wird diese Form des problembasierten Lernens fast durchgängig eingesetzt. Ein Selbstläufer für den Kompetenzerwerb ist das Projektstudium deswegen noch lange nicht: In Maastricht etwa ist die Studierendenschaft ja sehr international. Deshalb sind wir lange davon ausgegangen, dass die Studierenden interkulturelles und globalisiertes Denken sozusagen automatisch lernen. Durch Experimente haben wir dann festgestellt, dass es kaum eine Rolle spielt, wie eine Studierendengruppe zusammengesetzt ist, sondern dass es unter anderem darauf ankommt, ob die Dozierenden die Erfahrungen der Studierenden aktiv einfordern und erfragen.

Wir müssen uns also noch mehr in die Studierenden hineinversetzen und stärker reflektieren, ob und wie wir die Lernziele erreichen. Dazu müssen wir die Eingangs- und Ausgangskompetenzen von Studierenden bestimmen. Ebenso können uns Absolventenbefragungen dabei helfen, herauszufinden, ob unsere Lernziele die richtigen sind und ob der intendierte Kompetenzerwerb gelingt. 

Wir stehen vor großen Veränderungsprozessen: Als Hochschulen müssen wir uns darauf einlassen und unsere Lehre verändern. Dies muss – und das war sowohl als Rektor als auch als Bildungsminister mein Credo – passieren, ohne dass Druck ausgeübt wird.

Der Text ist zuerst im nexus-Newsletter erschienen.

Prof. Dr. Jo Ritzen

Der Ökonom und sozialdemokratische Politiker Prof. Dr. Jo Ritzen war von 1989 bis 1998 Bildungsminister der Niederlande und hat in den Jahren 2003 - 2011 als Präsident die Universität Maastricht geleitet.