Einsatz virtueller Lernumgebungen in Studium und Lehre

02. Oktober 2019 – nexus-Interview mit Dr. Valerie Varney, Forschungsgruppenleiterin "Digitale Lernwelten" an der RWTH Aachen

Beratungsstruktur der Hochschule Aalen zur Erreichung des Perspektivenwechsels in Bezug auf Kompetenzorientierung in Studium und Lehre

Im Zuge der Bologna-Reform ist neben der Umstellug auf Bachelor- und Masterstudiengänge auch ein Wandel auf kompetenzorientierte Qualifikationsziele, Modulbeschreibungen und Prüfungen gefordert worden. Durch den Perspektivenwechsel wird besonders die Output-Orientierung im Studium betont.
2014 zeigte sich im Rahmen des Verfahrens der Systemakkreditierung, dass die Thematik Kompetenzorientierung an der Hochschule Aalen noch weiter gestärkt werden sollte. So wurde die Kompetenzorientierung im Studium zu einem wichtigen Schwerpunktthema für die Qualität in der Lehre. Dadurch spiegelt sich, in den Qualifikationsszielen und in den Modulbeschreibungen, die Kompetenzorientierung wieder.
Durch das Rekorat der Hochschule wurde der Studiendekan der Ingenieurpädagogik gebeten sich der Thematik anzunehmen, da er durch die damalige Tätigkeit als Studiendekan des kooperativen Bachelorstudiengangs Ingenieurpädagogik in regem Austausch mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd stand. Über die Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd entstand der Kontakt zu einem Alumni der Ingenieurpädagogik und Doktoranden, der fortan dem Kompetenzbeauftragten als Mitarbeiter in Teilzeit zu dieser Thematik unterstützen sollte. Diese personelle Konstellation wurde der Stabstelle Qualitätsmanagement und dem Rektorat vorgestellt und befürwortet. Zum 1. April 2015 erfolgte dann auch die Bestellung zum Beauftragten des Rektorats für Kompetenzorientierung. Die Amtszeit beträgt zwei Jahre. Mithilfe seines Mitarbeiters wurde er in beratender Funktion hinsichtlich der Thematik Kompetenzorientierung für die Hochschulangehörigen tätig. Diese Konstellation hat sich mittlerweile etabliert und wird alle zwei Jahre wieder im Amt bestätigt. Im Jahr 2018 gab es einen Mitarbeiterwechsel. Diese Mitarbeiterin ist auch aktuell für die Kompetenzorientierung zuständig.
Organisationsstruktur
Eine Besonderheit hierbei ist die Organisationsstruktur: Der Beauftragte und sein Mitarbeiter sind im engen Kontakt mit der Leiterin der Stabsstelle Qualitätsmanagement. Somit wird ein handlungsschneller und unkomplizierter Austausch gewährleistet. Der Beauftragte ist als lehrender Professor tätig, welches sich positiv auf die Akzeptanz bei den Lehrenden auswirkt. Er kennt die Sichtweise der ProfessorInnen und Lehrbauftragten und
kann mit ihnen auf Basis seiner eigenen Praxiserfahrungen in der Lehre diskutieren. Der Mitarbeiter kommt aus dem Mitarbeiterkreis und kann schnell Informationen und Fragestellungen beantworten. Durch die Kombination aus Professor und Mitarbeiter kann adressatengerecht agiert werden. Jedoch sind beide Teammitglieder keinem Personenkreis zugeordnet sondern für alle Hochschulangehörigen zuständig und auch verfügbar. Der Mitarbeiter und der Beauftragte arbeiten eng zusammen und es herrscht ein reger Austausch zwischen ihnen. Der Beauftragte für Kompetenzorientierung ist in den Qualitätsmangement- bzw. akkreditierungsrelevanten Prüfprozessen der Hochschule eingebunden, wodurch eine Beratung an notwendigen Stellen sichergestellt wird. Dies geschieht unter anderem durch eine enge Zusammenarbeit mit der Stabsstelle für Qualitätsmanagement oder der Einbindung als Berater des Senatsausschusses bei der u.a. akkreditierungsrelevante Fragestellungen diskutiert werden. Der Aufbau der Organisationsstruktur ist in Bild 1 zu erkennen.

Frau mit Head Mounted Display unter freiem Himmel.
Mit digitalen Technologien betreten wir eine neue Welt. Vor der eigentlichen Anwendung in der Lehre sollten Testphasen und Tutorials eingeplant werden, in der sich die Studierenden an die neuen Gegebenheiten gewöhnen können. Foto: pixabay

Was empfehlen Sie Lehrenden oder Kollegen in  Didaktikeinrichtungen, die in die Thematik einsteigen?
Erstens keine Angst vorm Scheitern zu haben und bereit zu sein, neue Wege zu gehen. Zweitens, es einfach auszuprobieren und sich weiterzubilden – alleine, um für sich selbst zu klären, ob sie mit virtuellen Lernumgebungen arbeiten können und wollen. Die Studierenden werden das wertschätzen! Erzwingen lässt sich das Interesse natürlich nicht, und die Methoden sollten auch zur Lehrperson passen. Tun sie das nicht, merken das die Studierenden sofort. Natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Frage, in welcher Rolle sich die Lehrenden selbst sehen: Als Begleiter, die sich neuen Entwicklungen und dem damit verbundenen Wandel in der Lernkultur anpassen oder als Verfechter herkömmlichen Fontalunterrichts?

Wo finden Lehrende Unterstützung und Informationen zum Thema?
Hier hilft natürlich die Vernetzung und die Kollaboration mit anderen aus dem Fach, der Didaktik, der Technik – an der eigenen Hochschule und darüber hinaus. Hilfreich sind auch Fachveranstaltungen oder digitale Plattformen wie e-teaching.org, Bildung_Digital und die gesamte hochschuldidaktische Community bei twitter, das Hochschulforum Digitalisierung oder auch das Projekt ELLI, das auch an andere Hochschulen geht und bei didaktischen oder technischen Fragen unterstützt. Sehr wichtig und hilfreich ist die Kommunikation mit den eigenen Studierenden: Wie in der analogen Lehre ist keine neue Lernumgebung nach dem ersten Durchlauf perfekt. Bei Kursen mit virtuellen Realitäten ist die Evaluation besonders wichtig. Es gilt, das Feedback aufzugreifen, das Konzept zu optimieren und nicht direkt aufzugeben, wenn es nicht gleich wie gewünscht funktioniert.

Kann immersives Lernen die reale Lehre ersetzen?
Nein, es kann das persönliche Miteinander aber ergänzen und hilft beispielsweise auch, wenn man ortsunabhängig oder über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten möchte.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass Mixed Reality in Deutschland langfristig in der Hochschulehre eingebunden wird?
Ich sehe Mixed Reality im Verhältnis zur analogen Lehre ähnlich wie das Verhältnis von Trendsportarten und Breitensport und demnach eher als abwechslungsreiche Ergänzung. In den USA sind virtuelle Lernumgebungen bereits häufiger in die Lehre eingebunden. Bei uns sind es bislang noch recht wenige Hochschulen. Es werden zwar immer mehr, auch durch die Förderung durch die Politik, aber die Kosten für den flächendeckenden Erwerb und den Einsatz hochmoderner Geräte sind generell sehr hoch. Daher wird bei uns eher Augmented Reality eingesetzt mit einer niedrigeren Hemmschwelle als Virtual Reality. Es bleibt spannend, die technologischen Fortschritte zu verfolgen.

Die Fragen stellte Nicole Körkel.

Dr. Valerie Varney

Dr. Valerie Varney leitet die Forschungsgruppe Digitale Lernwelten am Cybernetics Lab, einem interdisziplinären Forschungsverbund an der RWTH Aachen.

In der Forschungsgruppe setzen sich Geistes- und Sozialwissenschaftler, Naturwissenschaftler und Ingenieure mit technologischen Entwicklungen und damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen auseinander. Sie untersuchen die Digitalisierung von Lehr- und Lernkontexten und betrachten technische Systeme sowie deren Anwendung aus verschiedenen Perspektiven und Fachdisziplinen. Ein Schwerpunkt ist die Forschung zu Mixed Reality, in der reale und virtuelle Umgebungen kombiniert werden. Foto: Edvard Krikourian