Das Exploratory Teaching Space – ein Anreizsystem im Rahmen der Digitalisierungsstrategie der RWTH Aachen

29. März 2018 - Prof. Dr. Heribert Nacken

Erst 14 Prozent der deutschen Hochschulen haben laut einer aktuellen Veröffentlichung der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) eine Digitalisierungsstrategie. Die RWTH Aachen gehört hier zweifelsohne zu den Vorreitern. Prof. Dr.-Ing. Heribert Nacken, an der RWTH Rektoratsbeauftragter „Blended Learning und Exploratory Teaching Space“ über ein besonders erfolgreiches Instrument der Aachener.  

In der ersten Phase der Digitalisierungsstrategie (2014 – 2017) sind an der RWTH Aachen vor allem neue Lehr-, Lern- und Prüfungsformate erprobt worden. Übergeordnetes Ziel der zweiten Phase der Digitalisierungsstrategie ist nun die Schaffung dauerhaft optimaler Voraussetzungen für exzellentes Lehren und Lernen an der RWTH. Unser Rektor, Prof. Dr. Ulrich Rüdiger, hat das kürzlich wie folgt formuliert: „Wir setzen jetzt konsequent eine zweite Phase der Digitalisierungsstrategie in der Lehre von 2018 - 2023 mit der Erwartung um, dass wir danach keine weitere Phase mehr brauchen. Bis Ende 2023 soll die Digitalisierung in der Lehre an der RWTH Aachen eine Selbstverständlichkeit sein.“ 

Wettbewerb ohne Erfolgsdruck
Dabei war es vor allem ein Format, das einen wesentlichen Schub für die Innovationskräfte in der Lehre gebracht hat: das „Exploratory Teaching Space“ (kurz ETS). ETS ist ein Anreizsystem und Förderinstrument, mit dem Dozierende neue Formen der Lehre ausprobieren können, ohne dabei unter Erfolgsdruck zu gelangen. Alle Dozierenden, die davon überzeugt sind, eine gute beziehungsweise innovative Idee zur Verbesserung der Lehre an der RWTH Aachen zu haben, können an einem jährlich stattfindenden Wettbewerbsverfahren teilnehmen.

Die Wettbewerbsbedingungen sind sehr einfach: Die Antragsteller beschreiben kurz und knapp auf nicht mehr als fünf DIN A4-Seiten ihre Idee, ihre Zielgruppe sowie den Mehrwert, den die Umsetzung der Maßnahme auf die Qualität der Lehre haben wird. Im Gegenzug erhalten sie eine Finanzierung von maximal 30.000 Euro sowie ein Jahr Zeit für die Umsetzung der Idee

Campus der RWTH Aachen: ETS sind auch in der zweiten Phase der Digitalisierungsstrategie eine zentrale Säule (Foto: RWTH/Peter Winandy)

Bei der Finanzierung handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um Venture-Capital; die Fördersumme muss nicht zurückgezahlt werden, falls die Idee floppt. Es wird vielmehr erwartet, dass zum Ende des Förderzeitraums ein kurzer Erfahrungsbericht erstellt wird, aus dem hervorgeht, welche Resultate erzielt wurden; ob eine Übertragung auf andere Zielgruppen oder Fakultäten zielführend zu sein scheint und welche Synergieeffekte gegebenenfalls zu verzeichnen waren. Sollte die Projektidee nicht erfolgreich gewesen sein, ist auch dies kurz zu dokumentieren, so dass diese Erkenntnisse ebenfalls innerhalb der RWTH Aachen bekannt werden.

Die Ergebnisse der ETS Projekte werden in Projektsteckbriefen auf der Internetseite der RWTH Aachen veröffentlicht. Diese bewusst kurz gefassten Steckbriefe beinhalten die Angabe über die wesentliche Idee, die Zielgruppe, das didaktische Format, die Ergebnisse sowie eine Kontaktperson, die anderen Mitgliedern bei der Nachahmung des beschriebenen Formates innerhalb der RWTH Aachen Unterstützung geben kann.

In der Zeit seit der Einführung im Jahr 2010 konnten insgesamt 100 Projekte mit einem Venture-Capital von 2.500.000 Euro finanziert werden. Das entspricht einer Förderquote von rund 28 Prozent  bezogen auf alle gestellten Anträge. Die Bandbreite der Anträge reicht von der Entwicklung von Serious Games für die Chemieausbildung (ETS 29, Prof. Liauw) über mobile Apps, die die Verwendung von Sensoren in Smartphones zur Durchführung von physikalischen Experimenten ermöglichen (ETS 285, Prof. Stampfer), virtuelle Mikroskopie in den Geowissenschaften (ETS 109, Prof. Urai) bis hin 3D-Druck statischer Systeme (ETS 261, Prof. Kinkel). 

Akzeptanz der Lehrenden für mediengestütze Formate deutlich erhöht
Bedingt durch die Niederschwelligkeit bei dem Antragsverfahren haben sich sehr viele Professorinnen und Professoren, Wissenschaftliche Mitarbeitende und Studierende aufgemacht, Szenarien, Methoden und Verfahren zu entwickeln, zu modifizieren beziehungsweise zu implementieren. Gleichzeitig wurde der Gedanke des Wettbewerbs um die beste Lehre an der RWTH Aachen massiv aufgewertet und auf alle Fakultäten ausgeweitet. Neben der Akzeptanz bei den Studierenden für das autonome Lernen mit Medien haben die ETS-Projekte gleichzeitig die Akzeptanz bei den Lehrenden für neue, mediengestützte Formate (wie z.B. Flipped Classrooms, Direktfeedback in Großveranstaltungen, semesterbegleitende Assessments, E-Prüfungen) deutlich erhöht und zu einer Intensivierung der hausinternen Weiterbildung der Dozierenden geführt.

Für die RWTH war es keine Frage, dass das ETS auch in der zweiten Phase der Digitalisierungsstrategie eine der zentralen Säulen bleibt. Wenn wir anderen Hochschulen eine Empfehlung geben dürfen, die die Digitalisierung der Lehre auf jeden Fall voranbringen wird, dann die, dass ein derartiges wettbewerbliches Verfahren zur Steigerung der Lehrqualität Ihre Digitalisierungsstrategie mit Sicherheit zum Fliegen bringen wird!   Sie werden es nicht bereuen!

Prof. Dr.-Ing. Heribert Nacken

Prof. Dr.-Ing Heribert Nacken studierte und promovierte an der RWTH Aachen im Bereich des Wasserwirtschaft und ist seit 2001 Professor für Ingenieurhydrologie an der Fakultät für Bauingenieurwesen. Er engagierte sich früh für die Belange der Lehre (Studiendekan der Fakultät von 2005-2012), war einer der Initiatoren des Beitrages zur Exzellenzinitiative Lehre („Studierende im Fokus der Exzellenz“) und ist seit 2012 Rektorats-beauftragter „Blended Learning und Exploratory Teaching Space“ der RWTH.