Kooperation auf Augenhöhe: Eine neue Arbeitsteilung in der Lehre

08. Februar 2019 - Georg Jongmanns

Es ist ein begrüßenswerter Trend, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für ihr Engagement in der Lehre seit einigen Jahren größere Wertschätzung erfahren. Viele Hochschulen haben interne Förderprogramme etabliert, um Lehrende dabei zu unterstützen, ihre Lehrveranstaltungen didaktisch, fachlich, technisch oder in anderer Hinsicht weiterzuentwickeln. Dafür nutzen sie z. B. den Qualitätspakt Lehre (QPL). Die Hochschulen kompensieren auf diesem Wege eine ‚Leerstelle‘ des QPL, dessen Förderbedingungen aus dem Jahr 2010 die Lehrenden nur in einem geringen Maße direkt angesprochen haben. Sie unmittelbar und zentral in die Weiterentwicklung der Studienangebote einzubinden und auf ihre Erfahrungen und Kreativität zu setzen, ist wissenschaftsadäquat und richtig. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Weiterentwicklung der Lehre ausschließlich in den Händen der Lehrenden liegen sollte.

Voraussetzung für eine gelingende Arbeitsteilung sind die Kooperation auf Augenhöhe und eine gemeinsame Ziel- und Zwecksetzung. Bild: Pixabay

Der QPL und vergleichbare Fördermaßnahmen ermöglichen die Realisierung vielfältiger Handlungsansätze und Modelle. Sie haben das Potenzial, Studium und Lehre langfristig aufzuwerten. Wenngleich sich manche Bemühungen als wenig nützlich und hilfreich erweisen sollten und die Durchdringung und die Akzeptanz in den Hochschulen noch steigerungsfähig sind, so machen viele Lehrenden doch die Erfahrung, sich reflektierter und intensiver auf die Studierenden einlassen zu können als es ohne die Fördermaßnahmen des QPL geschehen wäre.

Erweiterung der Sichtweisen auf Studium und Lehre
Die Unterstützung, die den Lehrenden in den geförderten Maßnahmen angeboten wird, erweitert die Sichtweisen auf Studium und Lehre und gestattet es, einen höheren Komplexitätsgrad zu erreichen. Wie sollten die Lehrenden allein die Lehrinhalte aktuell halten, die geeigneten didaktischen Mittel auswählen und effektiv nutzen, die Fähigkeiten der Studierenden fortlaufend einschätzen und gezielt fördern, parallel dazu die unerlässlichen überfachlichen Kompetenzen vermitteln, die Anforderungen des Arbeitsmarktes im Blick behalten, all dies in abgestimmter Form in attraktiven Studiengängen implementieren, dabei auf die Kohärenz vom Lehrveranstaltungen, Modulen, Ausbildungszielen und Profilbildung der Hochschulen achten, zugleich Raum für neue Ideen lassen, sie in koordinierten Prozessen niedrigschwellig und praxistauglich realisieren und die Konzepte anschließend – sofern sie sich bewähren – anderen Kolleginnen und Kollegen und anderen Fächern verfügbar machen?

Es wäre angemessen, wenn die Hochschulen dauerhaft Wissen, Kompetenzen und Personal vorhalten, das die lehrenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – über die seit langem etablierte hochschuldidaktische Weiterqualifizierung hinaus – gezielt und effizient unterstützt. Entsprechende Formen der Arbeitsteilung wurden im Rahmen des QPL vielfach und über Jahre erprobt. Sie geben der Organisation die Fähigkeit, an bestimmten Qualitätskriterien und ‑zielen orientierte Prozesse durchzuführen, die über die fachliche Perspektive der Lehrenden und über ihre zeitlichen ‚Reserven‘ – sofern man überhaupt davon sprechen kann – hinausgehen. Die Arbeitsteilung bietet die Chance, die Studienangebote bewusster und umfassender in bestimmte Richtungen zu lenken und an bestimmte Bedingungen anzupassen als es mit den Erfahrungen der Lehrenden allein möglich ist.

Voraussetzung für eine gelingende Arbeitsteilung sind die Kooperation auf Augenhöhe und eine gemeinsame Ziel- und Zwecksetzung. Die Zusammenarbeit ändert nichts daran, dass das Primat bei der wissenschaftlich-fachlichen Ausbildung bleibt, deren Interpretation (einschließlich der Interpretation gesellschaftlicher Anforderungen) gelegentlich fortgeschrieben werden muss.

Mit Blick auf künftige Fördermaßnahmen wäre es richtig, vielversprechende Ansätze und erfolgreich etablierte Akteure weiter zu fördern und die Arbeitsteilung zu stärken. Dies bedeutet, dass die Lehrenden resp. die Lehreinheiten in Kooperation mit den konsolidierten Support-Strukturen kooperativ Förderanträge stellen können sollten, um Entwicklungsvorhaben und andere Maßnahmen gemeinsam zu realisieren. Anknüpfungspunkte finden sich auf der Ebene der Lehrveranstaltungen und Module, auf der Ebene der Lehreinheiten und Studiengänge sowie fächerübergreifend auf der Ebene der Hochschulen. Dadurch entsteht erst ein organisatorischer Kontext, in den die Einzelförderung der Lehrenden eingebettet werden kann.

Dr. Georg Jongmanns

Dr. Georg Jongmanns ist seit 2002 für das HIS-Institut für Hochschulentwicklung (bzw. den Vorgängereinrichtungen) tätig. Er berät Hochschulen und Wissenschaftsministerien. Die Arbeits- und Forschungsthemen befassen sich mit der Organisation von Hochschulen (Personalstruktur, Strategie, Governance, Management von Forschung und Lehre). Georg Jongmanns hat Medienwissenschaften und Soziologie studiert.