Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Online in den OP

15. August 2013

Um seine Begeisterung für die Medizin an die Studierenden weiterzugeben, geht Prof. Dr. Christoph-Thomas Germer ungewöhnliche Wege: Am Ende eines jeden Jahres, immer kurz vor Heiligabend, hält er seine Weihnachtsvorlesung – und der Hörsaal ist zu diesem undankbaren Termin so voll wie sonst nie im Semester.

„Schlag den Germer“, hat der Würzburger Chirurg seine Weihnachtsvorlesung in Anlehnung an das Vorbild aus dem TV genannt – und lässt sich anderthalb Stunden lang von seinen Studierenden herausfordern. So treten die angehenden Ärzte etwa im Nähen gegen den erfahrenen Operateur an oder in anderen, selbst gewählten Disziplinen.

Wer schneller und sorgfältiger arbeitet als der Professor, gewinnt teure Fachbücher und andere Preise, die Germer selbst zur Verfügung stellt. Weil ihm die Studierenden bisweilen manipuliertes Werkzeug unterschieben, gehen die vorbereiteten Preise allesamt an seine Herausforderer.

Live-Übertragung aus dem Operationssaal
Neben diesem ungewöhnlichen Lehrformat setzt Germer auch auf das Internet.
Auf www.chirurgievorlesung-wuerzburg.de stehen neben Präsentationen aus den Vorlesungen auch ein Forums-Bereich zur Verfügung. Hier können sich die Studierenden mit ihrem Professor austauschen, es gibt Diskussionen, die von Germers Assistenten moderiert werden und immer wieder interaktive Elemente.

Eines von ihnen ist die Live-Übertragung aus dem Operationssaal: Als Spezialist für minimalinvasive Operationstechniken stellt Germer regelmäßig die Videobilder online, die der ausführende Arzt selbst auch auf seinem Bildschirm sieht.

Bei diesen Operationen werden die Werkzeuge digital gesteuert, die Mini-Kameras sind die wichtigste Orientierung für den Arzt. Im Internet können die Studierenden den Eingriff aus der Perspektive des Operateurs verfolgen, sie hören den Originalton aus der Klinik, die Kommandos des Arztes und die Kommentare von Christoph-Thomas Germer, der den Eingriff ebenfalls am Bildschirm verfolgt.

Deutschlandweite Zugriffe auf Würzburger Angebot
Für die Studierenden seien solche Übertragungen ausgesprochen hilfreich: „Bei der Chirurgie können sie zwar wenig selbst machen, aber sie können viel beobachten und dabei wichtiges Wissen erwerben.“ Ein Renner auf  Germers Homepage ist die Rätsel-Rubrik. Darin zeigt er regelmäßig Röntgenaufnahmen – und wer die darauf erkennbare Krankheit richtig diagnostiziert, kann ein Fachbuch gewinnen.

Bei den Studierenden kommt die aufwendige Internetpräsentation gut an: Zu Spitzenzeiten verzeichnen die Server der Universität mehr als 20.000 Zugriffe auf Germers Homepage – pro Monat. Die Klicks kommen dabei nicht nur von eigenen Studierenden; in ganz Deutschland hat sich die Internetadresse inzwischen herumgesprochen.

Referate in Kleingruppen
Auf Innovationen setzt Professor Germer indes nicht nur virtuell. Auch seine Veranstaltungen versucht er ansprechend zu gestalten. „Die Hauptvorlesung findet im Frontalunterricht statt, das geht bei den großen Teilnehmerzahlen gar nicht anders“, sagt er – „bei kleineren Veranstaltungen aber versuche ich, dieses Schema so oft wie möglich zu durchbrechen.“

Einzelne Teile seiner Vorlesung lässt er gezielt die Studierenden gestalten, die in Fünfergruppen ihren Kommilitonen ein Thema vorstellen. Das ist mit den Referaten in den Geistes- und Sozial­wissenschaften vergleichbar, in der Medizin aber kaum verbreitet. Dadurch werde die Auseinandersetzung mit einem Thema noch intensiver, hat Germer beobachtet.

Das Interesse für die Chirurgie zu wecken, so zeigen die ersten Erfahrungen, ist ihm mit seinen frischen Methoden gut gelungen. „Wenn sich ein Student gegen die Chirurgie entscheidet, dann geschieht das früh im Studium“, ist Germer überzeugt. „Da will ich anpacken und schon frühzeitig motivieren.“ Seine Motivation dazu, sagt er, sei intrinsisch: „Mein Fach finde ich ja selbst faszinierend, und das will ich auch zeigen.“

Weitere Informationen auf der Internetseite des Universitätsklinikums Würzburg und unter www.chirurgievorlesung-wuerzburg.de

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Der obige Text basiert auf Kilian Kirchgeßners Beitrag aus der nexus-Broschüre "Gute Lehre. Frischer Wind an deutschen Hochschulen" (Bonn, 2011, S. 20f.). Sie kann als <media 1870 _blank download "UNDEFINED, Gute_Lehre_9.4_FREI_200_Hoch.pdf, 12.3 MB">PDF heruntergeladen</media> (100 Seiten, 6,2 MB) oder als E-Book online gelesen werden.