Wissen für den Wandel

Wissen für den Wandel

Die globalen Veränderungen stehen im Blickfeld eines naturwissenschaftlichen Masterstudiengangs an der Universität Bayreuth.

Die Studierenden stehen im Kreis um ihren Professor. Eine Vorlesung mitten im Nationalpark auf den Kanarischen Inseln, eine Einführung in die Ökologie der Inseln und die Landnutzung steht auf dem Programm. Anschließend teilen sie sich in kleine Gruppen auf und ziehen los für ein Forschungsprojekt. „Dadurch, dass wir vor Ort sind, ist das eine so intensive Arbeit, dass sich die Studierenden richtig in ihr Thema reinfressen“, sagt Professor Dr. Carl Beierkuhnlein, der das Geländepraktikum auf den Kanaren leitet.
Solche Praxiseinblicke gehören für ihn und seine Studierenden zum Alltag. Global Change Ecology heißt sein Studiengang an der Universität Bayreuth, er gehört zum Bayerischen Elitenetzwerk. Darin sind Studienangebote zusammengefasst, die sich an überdurchschnittlich erfolgreiche Studierende richten. Das Auswahlverfahren ist streng, aber die Arbeitsbedingungen sind dank der gezielten Unterstützung durch den Freistaat und die Wirtschaft ausgezeichnet.

Unterwegs auf Klimakonferenzen
Im Studienprogramm Global Change Ecology ist fast immer einer der Studierenden irgendwo auf der Welt unterwegs auf Klimakonferenzen, Wissenschaftler-Tagungen und Gipfeltreffen zum Umgang mit den Folgen des ökologischen Wandels. „Wir unterstützen unsere Studierenden dabei, an diesen Konferenzen teilzunehmen“, sagt Carl Beierkuhnlein. Jedem soll es ermöglicht werden, zu mindestens einer solchen Tagung zu reisen; die Kosten übernimmt die Studiengangskasse. Einzige Bedingung für die Studierenden: Sie müssen anschließend ihren Kommilitonen ausgiebig berichten und ihre Erkenntnisse im Plenum diskutieren.

In seiner inhaltlichen Ausrichtung ist der Bayreuther Studiengang weltweit einzigartig. Er ist interdisziplinär aufgebaut, in das Curriculum fließen Bestandteile aus Meteorologie, Geologie, Physik, Chemie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und weiteren Bereichen ein. Die Teilnehmer lernen, die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels zu analysieren. „Manche Absolventen bleiben anschließend in der Forschung, andere gehen in die Politik und verhandeln dort über internationale Abkommen und wieder andere arbeiten im Bereich Risikoabschätzung in der Wirtschaft“, sagt Beierkuhnlein.

Exzellente Studierende aus aller Welt
Für die Universität Bayreuth war Global Change Ecology bei der Umstellung auf die neuen Studienabschlüsse einer der ersten Masterstudiengänge. Wegen der interdisziplinären Ausrichtung habe sich das geradezu angeboten, heißt es an der Universität. Das Curriculum ist dabei möglichst vielseitig gestaltet: So ist etwa ein Fast-Track für den schnellen Weg zur Promotion vorgesehen; es werden Bewerber aus aller Welt angesprochen und Studierende mit den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Erfahrungen. „Das alles haben wir bewusst so offen gestaltet“, sagt Beierkuhnlein: „Es ist ein extrem anspruchsvolles Feld, und wir wollen exzellente Studierende dafür gewinnen, ohne die Auswahl von vornherein zu stark einzuschränken.“

Breiter Hintergrund der Studierenden für Lehrende herausfordernd - für den Studiengang bereichernd
Die meisten Bewerber schließen das Masterprogramm konsekutiv an ihren Bachelor an. Viele kommen aus den Naturwissenschaften, andere beispielsweise aus der Betriebswirtschaft, der Soziologie oder der Psychologie. Inhaltlich hat sich der Aufbau des Studiums im Laufe der Jahre an diese unterschiedlichen Profile angepasst: Am Anfang habe man den Fehler gemacht, sich in den ersten Monaten ganz auf naturwissenschaftliche Inhalte zu konzentrieren. „Das war ein extrem schwieriger Einstieg ins Studium für alle, die ihren Bachelor in einem anderen Bereich gemacht haben“, sagt Beierkuhnlein rückblickend. Jetzt sind die Schwerpunkte besser verteilt, und schon zu Beginn des Studiums geht es neben den Umweltveränderungen auch um gesellschaftliche Auswirkungen.

Nach diesem neuen Schema können sich die Studierenden jetzt allmählich vortasten. Zusammen mit Ergänzungskursen, um individuelle Defizite zu beheben, sei der Einstieg dadurch für alle gut zu schaffen. „Der breit gefächerte fachliche Hintergrund der Studierenden ist für uns Lehrende zwar immer noch herausfordernd, aber für den Studiengang bereichernd“, sagt Carl Beierkuhnlein. Als Beispiel nennt er Psychologie-Absolventen: Weil es in Global Change Ecology viel um Verhandlungsstrategien auf internationalen Konferenzen gehe und andere zwischenmenschliche Kontakte, könne deren Perspektive allen Teilnehmern etwas bringen.

Enger Austausch zwischen Studierenden und Dozenten
Zu diesem Lerneffekt trägt auch die „ausgesprochene Solidarisierung der Studierenden untereinander“ bei, die Studiengangsleiter Beierkuhnlein beobachtet: Sie finden sich in kleinen Gruppen zusammen, um die jeweils anderen mit dem eigenen Hintergrundwissen zu versorgen, und sie bringen ihre kulturellen Erfahrungen ein. Zum Beispiel in dem Seminar, in dem es um Dürre in Afrika geht, um deren Auswirkungen auf die Biodiversität und mögliche Gegenmaßnahmen. „Mitten in der Diskussion meldet sich ein afrikanischer Teilnehmer und erinnert an die Korruption im Land. ‚Ihr könnt eure Maßnahmen nicht so am Reißbrett entwerfen’, hat er die Kommilitonen gemahnt“, sagt Beierkuhnlein. „So etwas kommt hier immer wieder vor, und das sind ausgesprochen wertvolle Beiträge. Als Dozenten können wir bestimmte Aspekte noch so oft erwähnen, aber wenn es jemand aus eigener Erfahrung heraus sagt, hat das ein ganz anderes Gewicht.“

Dieser enge Austausch ist in Bayreuth sogar institutionalisiert. Jeden Donnerstag findet ein Jour Fixe mit Studierenden und Dozenten statt. Dabei besprechen sie zum einen aktuelle Probleme im Studium, um bei Bedarf schnell Abhilfe zu schaffen. Zum anderen geht es um Erfahrungsberichte: Wenn ein Teilnehmer gerade auf einem Klimagipfel war oder einer anderen Konferenz zu ökologischen Veränderungen, berichtet er hier von seinen Beobachtungen.

Das Auswahlverfahren für das Studium ist ausgeklügelt. Die Bewerber müssen ein Motivationsschreiben vorlegen, das von zwei Dozenten bewertet wird. Die besten 40 Interessenten aus aller Welt werden zu einem Gespräch eingeladen, das der Einfachheit halber über Skype stattfindet. Etwa 30 Studierende bekommen dann einen Zulassungsbescheid. „Wir haben aber das große Problem, dass im Durchschnitt etwa zehn Leute ihr Studium nicht antreten können.

Das liegt einfach daran, dass sie aus armen Ländern kommen und kein Stipendium bekommen haben“, sagt Beierkuhnlein. Denn so gut die Ausstattung seines Studiengangs auch ist, für Beihilfen zu den Lebenshaltungskosten ist das Budget nicht vorgesehen. „Wir würden uns flexiblere Förderinstrumente wünschen, um den besten Studierenden auch wirklich den Weg nach Deutschland zu ebnen! “

Diejenigen, die ihr Studium in Bayreuth dann tatsächlich anfangen, haben beste Aussichten: Die Abbrecherquote ist denkbar niedrig und beim Übergang ins Arbeitsleben hat kaum ein Absolvent größere Schwierigkeiten.

Und das Studium selbst, das sagen die Absolventen, eröffne neue Blickwinkel. So etwa bei der Exkursion auf die Kanarischen Inseln. Da haben die Studierenden in Dreiergruppen eine Woche lang an einer Forschungsaufgabe gearbeitet – etwa zur Frage, wie sich die Infrastruktur auf die Artenvielfalt auswirkt. „Häufig trifft man auf die Meinung, dass der Straßenbau einen negativen Einfluss habe“, sagt Professor Carl Beierkuhnlein. Das sollten seine Studierenden untersuchen, in der Hypothesengeneration und der Methodenwahl von Lehrenden begleitet. Ihre Erkenntnis verblüfft: Gerade endemische Arten, die es nur auf der Insel gibt, haben von der Infrastruktur sogar profitiert, weil sie sich über weitere Strecken verbreiten konnten – etwa Aeonium-Arten, die für die Kanaren typischen Dickblattgewächse. „Genau das ist der Reiz an unserem Studium“, sagt Beierkuhnlein: „Wir können neue Fragen stellen – und das nicht erst im Promotions-, sondern schon im Masterstudium. Und wir stoßen dabei manche vorgefasste Meinung um.

Weitere Infos zum Masterstudiengang Global Change Ecology gibt es auf den Internetseiten der Universität Bayreuth.

Der Artikel stammt aus der Broschüre des Projekts nexus der Hochschulrektorenkonferenz „Erfolgsmodell Master - Offen für internationale Kooperationen und individuelle Bildungsbiographien“.

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