Die andere Geschichte

Die andere Geschichte

Der Master Public History ist schon kurz nach seinem Start zum beliebtesten historischen Masterangebot an der Freien Universität Berlin geworden. Die Berliner zeigen, wie auch ein traditionsreiches Studienfach von Innovationen profitieren kann.

Geschichte im Audio-Spaziergang erfahrbar machen
Auch so kann das Geschichtsstudium aussehen: Die Studierenden sollen einen Audio-Spaziergang über den Berliner Kurfürstendamm erstellen. Es geht um das Pogrom an Juden im Jahr 1931, also noch vor der Machtergreifung der Nazis. Was ist damals eigentlich passiert, wie waren die Reaktionen auf diesen ersten Ausbruch der Gewalt? Die Studierenden suchen in historischen Zeitungen nach Meldungen und Kommentaren, sie analysieren Gerichtsdokumente aus dem Archiv, sie sprechen mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen. Aus den Ergebnissen erstellen sie zusammen mit einem Theaterdramaturgen eine Art Audio-Guide, der unmittelbar am Schauplatz in die Vergangenheit führt.

Nicht nur Daten und Fakten: Darstellung und Vermittlung von Geschichte
Im Studiengang Public History an der Freien Universität Berlin gehören solche Aufgaben zum Curriculum. „Wir haben ihn bewusst als anwendungsorientierten Studiengang gestaltet“, sagt Studiengangleiter Professor Dr. Paul Nolte. „Das Stichwort der Anwendung bezieht sich im Fach Geschichte vor allem auf Museen, Gedenkstätten und andere historische Lernorte. In den vergangenen Jahren ist deren gesellschaftliche Bedeutung stark gewachsen“, erläutert er. Neben den fachwissenschaftlichen Inhalten behandelt das Programm deshalb vor allem die Darstellung und Vermittlung von Geschichte. Der Schwerpunkt des Studiengangs liegt auf dem 20. Jahrhundert; im Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) hat die FU einen renommierten Kooperationspartner gewonnen.

„Wie sehr ein solcher Studiengang den Absolventen helfen kann, habe ich selbst gemerkt“, sagt Dr. Irmgard Zündorf, Mitkoordinatorin des Studiengangs am ZZF. Nach ihrem eigenen Studium hat sie beim Haus der Geschichte in Bonn eine Stelle angetreten, und schon die erste Aufgabe stellte sie vor Fragen, mit denen sie sich noch nie beschäftigt hatte: „Ich sollte drei Bilder auswählen, die für die Gründung der Bundesrepublik aussagekräftig sind“, erinnert sie sich. Aber was heißt schon aussagekräftig? „Mir kam sofort ein Portrait von Konrad Adenauer in den Sinn, aber das war der falsche Ansatz: Ich sollte das Thema ja nicht illustrieren, sondern es wurden Bilder gebraucht, die aus sich selbst sprechen und einen Hintergrund vermitteln.“

In ihrem Studium, stellte Zündorf da fest, war sie bestens auf den Umgang mit Archiven und historischen Quellen vorbereitet – aber um Fotos, Filme oder gar Zeitzeugenberichte war es dabei nie gegangen. Die Absolventen des Studiengangs Public History haben solche Schwierigkeiten nicht mehr: Sie werden auf die Arbeit mit diesen verschiedenen Quellentypen und ihre Anwendung in der Geschichtsvermittlung ausgiebig vorbereitet.

Im deutschen Sprachraum waren die Berliner Pioniere, als sie 2008 ihr Public History-Programm gestartet haben. Im angelsächsischen Bereich hingegen ist die Anwendungsorientierung auch bei den Historikern inzwischen längst etabliert. Dort hat Paul Nolte diese Studienrichtung auch kennengelernt, als er an den Universitäten Harvard und Chapel Hill geforscht hat. „So etwas Ähnliches konnte ich mir in Deutschland gut vorstellen. Den endgültigen Anstoß haben wir in einem Gespräch mit den Kollegen vom ZZF in Potsdam, allen voran Martin Sabrow, bekommen. Mit ihnen gemeinsam haben wir das Konzept für einen gemeinsamen Studiengang ausgearbeitet“, so Nolte.

Große Nachfrage bei Studierenden
Vor dem Start der Planung hat er mit seinen Lehrstuhlmitarbeitern einen Workshop organisiert, zu dem Public History-Experten aus mehreren Ländern zusammenkamen. Aus deren gesammelten Erfahrungen ist dann das Berliner Curriculum entstanden. Bei den Studierenden hat das Team um Professor Nolte offene Türen eingerannt. Die Bewerberzahlen waren vom ersten Jahrgang an wesentlich höher als die Zahl der Studienplätze; inzwischen gehen jedes Jahr etwa 130 Anmeldungen für die 20 Plätze ein. „Drei Viertel davon sind bundesweite Bewerbungen“, sagt Christine Gundermann, die Studiengangskoordinatorin – und die meisten Kandidaten seien hoch motiviert. „Ich merke das an den Fragen, wie intensiv sie sich mit unserem Angebot beschäftigt haben. Die bewerben sich ganz gezielt auf dieses Programm!“

Veränderung des Berufsbilds: Vom reinen Wissenschaftler zum Kurator
Unter den historischen Masterstudiengängen an der FU Berlin ist Public History längst das gefragteste Modell: Der fachwissenschaftliche Master etwa bietet dreimal mehr Plätze an, hat aber weniger Bewerber. Professor Nolte erklärt sich das mit einer Entwicklung, die schleichend schon vor zwei Jahrzehnten angefangen habe: Immer mehr Historiker arbeiteten in Museen, Medien oder Politik – nur das Studienangebot habe darauf über Jahre hinweg schlicht nicht reagiert, sondern die Illusion genährt, jenseits des schulischen Lehramts vor allem Professoren zu rekrutieren.

Familiäre Studienatmosphäre
Ihren Public History-Studiengang haben die Berliner weitgehend autonom angelegt. So stellen sich die Studierenden auch in den fachwissenschaftlichen Modulen ihr Studium nicht aus dem Lehrangebot anderer historischer Masterstudiengänge zusammen, sondern besuchen Seminare, die gezielt für sie angeboten werden. Viele Forscher vom ZZF, die sich mit der jüngsten Geschichte auseinandersetzen, sind in die Lehre eingebunden. Kennzeichnend für den Studiengang ist darüber hinaus die kleine Arbeitsgruppe: Dass die 20 Studierenden eines Jahrgangs fast alle Seminare gemeinsam haben, wirke sich unmittelbar aus. „Die reden sich mit Namen an und gehen ganz anders aufeinander ein“, sagt Paul Nolte. Ein „begeisterndes Erlebnis“ sei das für ihn als Lehrenden: „Da entsteht eine ganz andere Studieratmosphäre! “

Anfängliche Kritik am Studiengang verstummt
Die Kritik am Studiengang, die anfangs manchmal zu hören war, ist nach den ersten guten Erfahrungen inzwischen weitgehend verstummt. Von einem „Schmalspurstudium, bei dem Powerpoint-Meister herangebildet werden“, hatte eine Zeitung zum Start der Public History höhnisch geschrieben. Solche Kommentare werden jetzt immer seltener, weil sich der Studiengang bewährt hat. Und auf die Frage von skeptischen Kollegen, ob denn die Absolventen auch richtige Historiker seien, hat Professor Nolte längst eine Antwort parat: „Das sind Historiker“, sagt er dann, „die einfach anders an den Forschungsgegenstand herangehen.“

Weitere Infos zum Masterstudiengang Public History gibt es auf den Internetseiten der FU Berlin.

Der Artikel stammt aus der Broschüre des Projekts nexus der Hochschulrektorenkonferenz „Erfolgsmodell Master - Offen für internationale Kooperationen und individuelle Bildungsbiographien“.

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