Persönlichkeiten für den Arbeitsmarkt wissenschaftlich qualifizieren, Teil 2

17. September 2013 im Auditorium Friedrichstraße, Berlin

Die Erhöhung von Beschäftigungsfähigkeit ist ein zentrales Ziel der europäischen Studienreform. Dafür ist die Beförderung und Ermöglichung von Praxisbezügen im Studienverlauf ein wichtiges Element. Für Hochschulen gilt es, eine ausgewogene Vermittlung von Fachlichkeit zu gewährleisten und zugleich ausreichend Beschäftigungsfähigkeit zu ermöglichen. Eine Antwort auf die Frage, wie viel Praxisanteil in welchen Formen ein Studium braucht, um gesetzte Ziele gelungen zu erreichen und Absolventinnen und Absolventen für den Arbeitsmarkt vorzubereiten, fällt je nach Hochschultyp und Standort unterschiedlich aus. Zielvorstellung ist jedoch stets die umfassend entwickelte, wertebewusste und hoch qualifizierte Persönlichkeit, die sich in einem dynamischen Arbeitskontext zurechtfindet und ihre Kompetenzen flexibel einsetzen kann und nicht der hochspezialisierte Experte. 

Diese zweite Veranstaltung zu „Persönlichkeiten für den Arbeitsmarkt wissenschaftliche qualifizieren“ griff die Impulse der Bestandsaufnahme vom 10. Juli 2013 auf und widmete sich Fragen und konkreten Praxisbeispielen der Organisation und praktischen Umsetzung von Praxiselementen im Studium. Zu Beginn findet ein Gespräch auf dem „Bildungssofa" statt. Daraufhin wurden ausgewählte Beispiele präsentiert, in denen Praxisbezüge im Sinne einer wissenschaftlichen Qualifizierung für den Arbeitsmarkt behandelt werden. Des Weiteren wurden Ergebnisse des Fachgutachtens „Beschäftigungsfähigkeit und Arbeitsmarktrelevanz durch verstärkte Praxisbezüge im wissenschaftlichen Studium“, das im Auftrag des Projekts nexus erstellt wurde, vorgestellt und ein abschließendes Expertengespräch ausgerichtet.   

Die Tagung richtete sich an Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten, Prorektorinnen und Prorektoren für Lehre und Studium als auch Dekaninnen und Dekane sowie Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter aller Ebenen und Fachbereiche die sich mit diesem Themenbereich auseinandersetzen oder einfach mehr darüber erfahren wollen.

Begrüßung und Einführung

Begrüßung und Einführung

Zur Begrüßung gab Professor Dr. Micha Teuscher seiner Freude Ausdruck, die Tagung „Persönlichkeiten für den Arbeitsmarkt wissenschaftlich qualifizieren, Teil 2“ des Projekts nexus der Hochschulrektorenkonferenz im Auditorium Friedrichstraße in Berlin eröffnen und begleiten zu können. Es handele sich um die zweite Veranstaltung zu diesem Themenfeld, die sich, gerahmt von zwei Podiumsdiskussionen, konkreten Praxisbeispielen widmet. Die gute Resonanz verdeutliche das große Interesse an der konkreten Ausgestaltung und Umsetzungen von Praxiselementen im Studium.

In seiner Einführung erkannte Professor Teuscher die besondere Bedeutung dieser Tagung im Thema und in den Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Praxis von Lehre und Studium, weil sich die Gelegenheit biete, mit einigen Missverständnissen aufzuräumen, und sich dadurch ganz neue Handlungsoptionen und ‑strategien für die Fortsetzung und Vertiefung des Bologna-Prozesses ergeben.

Um den ersten Teil der Tagung in Erinnerung zu rufen, bezog er sich auf das Grußwort des Kollegen, Vizepräsident Professor Burckhart. Dieser habe im Tagungstitel „PERSÖNLICHKEITEN für den ARBEITSMARKT WISSENSCHAFTLICH QUALIFIZIEREN“ den komplexen Auftrag der Hochschulen so erkannt, wie das Schlagwort „Employability“ aus der Bologna-Reform ursprünglich zu verstehen war:

  • Studierende kompetenz- und lernergebnisorientiert fachlich und beschäftigungsbefähigend zu bilden.
  • Studierende zu aktiven und selbstverantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, die Verantwortung übernehmen und die Gesellschaft mitgestalten.
  • Studierende unabhängig von Hochschultyp und Fach für unterschiedliche Arbeitsweltanforderungen zu einem wissenschaftlich reflektierten und kreativen Umgang mit Wissen zu befähigen.

Damit stehe das Thema im Zentrum des Bologna-Prozesses. Professor Teuscher zeichnete nach, dass auf dieser Veranstaltung zudem deutlich wurde, dass es sich bei der Debatte um Employability um eine Schein- oder Stellvertreter-Debatte handele, hinter der verschiedene Kontroversen wie z.B. um die Bologna-Reform, die Ausbildungsfunktion von Hochschulen oder das Verhältnis von Universitäten und Fachhochschulen verhandelt würden. Lösungen für den Employability-Auftrag der Hochschulen seien jedoch nur möglich, wenn dieses „Hintergrundrauschen“  vermieden, besser noch überwunden werde.

Einige der zentralen Aussagen des ersten Teils der Tagung hätten wichtige Klarstellungen enthalten:

  • Mit Employability sei nicht Berufsqualifizierung gemeint, sondern Qualifizierung für die Arbeitswelt. Vizepräsident Professor Burckhart habe auf die Definition der „Working Group on Employability“ verwiesen, die Employability als die Fähigkeit definiert hat, einen bedeutungsvollen Arbeitsplatz zu erhalten, im Arbeitsverhältnis zu bleiben und den Arbeitsplatz bei Bedarf wechseln zu können.
  • Die Anforderungen der Unternehmen seien sehr unterschiedlich, d.h. pauschale Aussagen über Art und Umfang von Praxisbezügen, aber auch über die Anforderungsprofile der Absolventinnen und Absolventen seien schwierig zu treffen. Unternehmen formulierten als Hauptgrund für Entlassungen von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern während der Probezeit: die fehlende Fähigkeit, theoretisch erworbenes Wissen im Berufsalltag praktisch einzusetzen. Hier sei intensiverer Dialog zwischen Hochschulen und Wirtschaft erforderlich.
  • Persönlichkeitsbildung stelle eine zentrale Aufgabe der Hochschulen dar. Was Herr Sattelberger mit dem Begriff „Ich-Stärke“ bezeichnete, umfasst Selbstbewusstsein und Selbstreflektion, mithin personale und soziale Kompetenzen der Absolventinnen und Absolventen.
  • Ziel sei es, die Studierenden zur sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Teilhabe zu befähigen und zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen - denen ihres Arbeitgebers, denen der Gesellschaft und nicht zuletzt auch ihren eigenen. Mit Citizenship sei die gesellschaftspolitische Wirksamkeit treffend erfasst.

Es bestehe Einigkeit, dass fragile, dynamische und globale Arbeitsmärkte hoch qualifizierte und kompetente Persönlichkeiten erfordern, die ihr Wissen flexibel und lösungsorientiert in unbekannten Handlungsfeldern und Aufgabenstellungen selbständig einsetzen und weiterentwickeln können. Zur Diskussion stehe, welches Leitbild Hochschulen präferieren sollten: Das des Generalisten oder das des Spezialisten? Das des Wissenschaftlers oder das des Praktikers? Das des Forschers oder das des Anwenders?

Die Geschichte der Fachhochschulen seit Anfang der 70er Jahre zeige, dass das Leitbild einer wissenschafts- und methodenbasierten Problemlösungskompetenz gesellschaftlich stark nachgefragt wird und die Absolventinnen und Absolventen der Fachhochschulen ihren Weg machen. Der Wandel der gesellschaftlichen Ansprüche und der Anforderungen an Hochschulen seitens Wirtschaft und Gesellschaft führe zu einer überproportional steigenden Studierneigung und einer zunehmenden Akademisierung von Berufsfeldern, die bisher der Sphäre der praktischen Berufsausbildung des „Dualen Systems“ zugeordnet waren. Da ist weniger die Qualifikation des „Forschers“ als die des „Problemlösers“ gefragt. Damit einher geht ein Wandel auch der Fachhochschulen zu Hochschulen der angewandten Wissenschaften.
Auch an Universitäten, die für die Karriere als forschender Wissenschaftler ausbilden, und nichts anderes ist mit dem Privileg des Promotionsrechts verbunden, stelle sich diese Aufgabe neben der fachwissenschaftlichen und methodischen Qualifikation ihrer Studierenden.
Experten seien sich einig, dass Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt vor beispiellosen Veränderungen stehen, denen Hochschulabsolventinnen und ‑absolventen als Bürger, als Arbeitnehmer und als Verbraucher gewachsen sein sollten, um aktiv und gestaltend daran mitwirken und die damit einhergehenden Probleme bewältigen zu können. Weil dafür keine einmal ‚abgeschlossene Ausbildung‘ ausreichen werde, gebe es Konzepte Lebenslangen Lernens.
Lebenslanges Lernen gilt für alle Berufsgruppen in der Gesellschaft. So muss auch Absolventinnen und Absolventen der beruflichen Bildung die - auch berufsbegleitende - Gelegenheit gegeben werden, später ein Studium als biografische Weiterbildung ergreifen zu können. Dafür sei Durchlässigkeit Voraussetzung: Jede und jeder solle sich nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen sowie den Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft weiterbilden können. Den Hochschulen tue sich damit ein Betätigungsfeld auf, das sie bisher durch Angebote zu berufs- oder familienphasen-begleitenden Weiterbildungsstudiengängen nur unzureichend erschließen. Hilfreich dafür sei es, ein Verständnis für „biographische Weiterbildung“ zu entwickeln, das derartige weiterbildende Studienangebote auch auf Bachelorebene zulässt.

Damit habe die erste Veranstaltung am 10.07.2013 der Bestandsaufnahme zur Umsetzung der „Employability“ in Deutschland gedient. Als Diskussionsgrundlage wurden Ergebnisse von Studierenden-, Absolventen- und Arbeitgeberbefragungen zu Praxisbezügen im und zur Arbeitsweltrelevanz des Studiums vorgestellt. Des Weiteren wurde eine prominent besetzte Podiumsdiskussion ausgerichtet, in der zentrale Befunde und Themenbereiche erörtert und diskutiert wurden:

  • Praxisbezug kann auf vielfältige Art und Weise vermittelt werden und ist Lerntyp- und kontextabhängig einzubinden: problemorientiertes Lernen, fallbasiertes Lernen, forschendes Lernen, Praxissimulation, Praxisphasen, Praktikum, Projektarbeit, usw.. Praxisbezug hat auch eine fächerabhängige Relevanz.
  • Neben strukturierten, begleiteten Praktika und den klassischen Praxissemestern sowie Abschlussarbeiten in Unternehmen wurde die zunehmende Bedeutung des social learning, bei dem Praxisbezüge mit sozialem Engagement verbunden werden, betont. Hier engagieren sich viele Hochschulen in den USA.

Damit leitete Professor Teuscher zum zweiten Teil der Tagung über: DASS Hochschulen ihre Studierenden qualifizieren, sei eine Selbstverständlichkeit. Es gehe um die Frage, WIE Hochschulen arbeits- und lebensweltliche Elemente in die Lehre integrieren könnten, um die gesellschaftlichen Ansprüche und die Forderungen der Wirtschaft an ein Studium zu erfüllen:
Hochschulen müssten ihre eigenen Wege finden, qualitativ hochwertige Praxiselemente zum Wohle der Studierenden einzubinden. Sechs Praxisbeispiele verschiedener Hochschulen würden vorgestellt, um beispielhafte Konzepte sichtbar zu machen und Anregungen für die Praxis zu geben (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg; Hochschule Coburg; Universität Münster; Universität Duisburg-Essen; Universität Bielefeld; Universität Frankfurt am Main). Mit den zwei Podiumsdiskussionen („Bildungssofa“: Studium zwischen Theorie und Praxisbezügen?; Expertengespräch: Mehr Praxisbezüge im Studium?) sei die Einladung verbunden, offen zu diskutieren, bestehende Herausforderungen zu benennen und gemeinsam Lösungsansätze zu finden. Ziel der Tagung sei es, dass die Teilnehmenden Antworten auf ein paar ihrer Fragen finden.

„Bildungssofa“: Studium zwischen Theorie und Praxisbezügen?

Über vier pointierte Leifragen (1) An der (Berufs-) Praxis scheiden sich die Geister? 2) „Employability“: Ein Heimspiel für die Fachhochschulen? 3) Klare Aufgabenverteilung zwischen den Hochschultypen? 4) Typisch deutsch? Oder anders gefragt: Worüber diskutieren wir hier eigentlich?), wurde sich auf dem Bildungssofa dem Thema „Studium zwischen Theorie und Praxisbezügen?“ zugewandt. Zunächst wurde der Frage nachgegangen, was die Umsetzung gelungener Praxisphasen für Hochschulen bedeutet und weshalb der Begriff im Kontext von Hochschulen oftmals kontrovers diskutiert wird. Es wurde beleuchtet, dass die Diskussionen um die Begriffe Employability, Beschäftigungsfähigkeit und Praxisbezüge teilweise wenig differenziert geführt werden, was eine Auseinandersetzung mit den bestehenden Herausforderungen aber auch Chancen nicht erleichtere. Zudem wurde herausgestellt, dass Praxisphasen in verschiedenen Fächerkulturen einen unterschiedlich hohen Stellenwert haben und je nach Hochschule verschieden ausgestaltet werden. Da sich Hochschulen und Fakultäten mit der Ausrichtung und Integration unterschiedlich auseinandersetzen, könne nicht verallgemeinert werden, was als ein gutes Praxiselement an Hochschulen zu verstehen sei.

Es wurde darauf verwiesen, dass es sich bei der Debatte um die theoretische Ausrichtung des Studiums und die Integration von Praxis um keine neue Diskussion handelt, sondern sie in ähnlicher Art und Weise schon länger geführt wird. Für diesen Zusammenhang wurden die Genese und die Funktionen der unterschiedlichen Hochschultypen aufgezeigt und ihre jeweiligen Stärken bei der Vermittlung von Praxiselementen vermittelt.
Insgesamt wurden steigende gesellschaftliche Anforderungen konstatiert, denen sich Hochschulen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zuzuwenden hätten. Es wurden Veränderungsprozesse beschrieben, die auch Folgen für die Qualifizierung an Hochschulen und die Ausrichtung qualitätsgesicherte Praxisphasen nach sich ziehen. Ein Ziel des Studiums sei es dabei weiterhin, Absolventinnen und Absolventen zu befähigen, die erlernten Wissenschaftsmethoden flexibel im Arbeitskontext einzusetzen und eigenständig weiterzuentwickeln. Ausreichend Reflexionsphasen im Studium und eine auch in Praxisbezüge zu erlernende Problemlösungs- und Handlungskompetenz, seinen dafür wichtige Elemente.
In den Diskussionen wurde ein kurzer Exkurs zu einem auszumachenden Anstieg der Studienanfängerquote vollzogen und das Feld der Akademisierung von einzelnen Berufsfeldern thematisiert.
Abschließend wurde verdeutlicht, dass es sich bei der Debatte um Employability um keine typisch deutsche Diskussion handele, und sie in anderen Ländern ebenso, jedoch mit unterschiedlicher Intention und aus anderen Gründen geführt wird.

Praxisbeispiele

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: 4-1-4-1-4-1-Modell
Professor Dr. Marco Winzker verdeutlichte die Schlüsselelemente des 4-1-4-1-4-1 Modells der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, das seit 2007 im Fachbereich Elektotechnik, Machienenbau und Technikjournalismus für Bachelorstudierende eingesetzt wird. Ziel des Models ist die Vermittlung von Methodenkenntnissen, sozialen und persönlichen Kompetenzen. Studierende sollen durch zahlreiche Projektarbeiten bestmöglich auf den Berufseinstieg vorbereiten werden. Dieses Studienmodell sieht zu diesem Zweck für jedes der insgesamt sieben Semester einen ständigen Wechsel zwischen einer vierwöchigen Vorlesungs- und einer einwöchigen Blockwoche (4-1-4-1-4-1–Modell ) vor, in der den Studierenden Zeit für Selbstlernphasen und Projektarbeiten eingeräumt wird. Ab dem dritten Semester sind die Blockwochen zur Bearbeitung von Projekten vorgesehen. Das 4-1-4-1-4-1–Modell wurde bereits durch eine Studierendenbefragung positiv evaluiert. Die zahlreichen Praxisprojekte bieten den Studierenden die Möglichkeit, ihre theoretischen Kenntnisse in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Problemstellungen anzuwenden und zu prüfen. Zwar lässt dieses Modell auf Seiten der Studierenden nur ausgewählte Möglichkeiten bezüglich der Praxisprojekte zu, jedoch sind die einheitlichen Fragestellungen dazu geeignet, die Kommunikation im gesamten Fachbereich zu erleichtern und somit ein interdisziplinäres Arbeiten zu vereinfachen.

Selbstbewusst und selbstreflektiert – ein universitätsspezifischer Ansatz zur Arbeitsmarktrelevanz des Studiums an der Universität Münster
Andreas Eimer und Dr. Jan Knauer des Career-Service der Universität Münster stellten das Projekt Projekt "Employability" des Career-Service vor, das aus Mitteln des „Qualitätspaktes Lehre“ finanziert wird. Für eine hohe Beschäftigungsbefähigung von Hochschulabsolventinnen und -absolventen müssten sowohl die fachwissenschaftliche Lehre als auch der Bezug zur beruflichen Praxis gewährleistet sein, so ihre Ausführungen. Gemeinsam mit den Fachbereichen solle eine wissenschaftlich begründete und auf die Universität Münster mit ihrer Fächervielfalt spezifisch passende Begriffs- und Zielbeschreibung zu "Employability" vorgenommen werden. Didaktisch zielführend würden anschließend Konzepte zur Beschäftigungsbefähigung operationalisiert und konkrete Veranstaltungsformen sowie Instrumente zu deren Wirkungsüberprüfung entwickelt. Ziel, Didaktik, Veranstaltungsformen und Wirkungsevaluation sollen dabei kohärent miteinander in Bezug gesetzt werden. Dazu arbeite der Career Service in den kommenden Jahren intensiv mit den Fächern und Fachbereichen der Universität Münster zusammen. Im Rahmen des Projekts werde der Career Service zudem eine Expertengruppe aufbauen, in der die Projektverantwortlichen der Universität Münster gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anderer Career Services sowie Hochschulforscherinnen und Hochschulforschern die Fragestellung weiter bearbeiten werden. Zentrales Ziel sei es, Expertise zu bündeln sowie gemeinsamen Erkenntnisfortschritt und die Verbreitung der Ergebnisse zu befördern.

Das Projekt "UNIAKTIV -  Service Lerning" an der Universität Duiburg-Essen
Das Projekt UNIAKTIV der Universität Duisburg-Essen wurde von Jörg Miller vorgestellt. Er führte aus, dass durch die Verknüpfung von universitärer Lehre und gesellschaftlichem Engagement, dem sog. Service Learning, Bachelor- und Masterstudierende der Universität Duisburg-Essen einen Einblick in gemeinnützige Projekte und Einrichtungen bekommen und neben fachlichen Kompetenzen insbesondere ihre sozialen und personalen Kompetenzen stärken sollen. UNIAKTIV, das Zentrum für gesellschaftliches Lernen und soziale Verantwortung, initiiere und koordiniere Angebote zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements und strebe mittelfristig eine curriculare Einbindung von Service Learning in allen Fachbereichen an. Studierende aller Fakultäten der Universität Duisburg-Essen können sich freiwillig an verschiedenen Aktivitäten zugunsten lokaler, gemeinnütziger Organisationen beteiligen. UNIAKTIV berate interessierte Studierende und vermittle sie passgenau in gesellschaftliche, sozialpolitische, kulturelle und ökologische Arbeitsfelder. Darüber hinaus qualifiziere das Projekt Lehrende zur Umsetzung von Service Learning in hochschuldidaktischen Fortbildungen und durch individuelle Coachings. Studierende, deren Studienordnung keine feste Einbindung von Service Learning-Seminaren vorsehe, könnten derartige Angebote über den Ergänzungsbereich fachübergreifender Schlüsselkompetenzen belegen und auch kreditiert erwerben. Mit einem anerkannten Zertifikat dokumentiere UNIAKTIV das Engagement. Anhang von konkreten Beispielen illustrierte Herr Miller seine Ausführungen. 

"Das praxisintegrierte Studium" an der Fachhochschule Bielefeld
Herr Marcus Miksch der Fachhochschule Bielefeld präsentierte „Das praxisintegrierte Studium“. Die Fachhochschule Bielefeld biete an ihren Standorten in Minden und Gütersloh verschiedene praxisintegrierte Studiengänge an. Bachelorstudierende aus den Fachbereichen Wirtschaftsingenieurwesen, Elektrotechnik und Maschinenbau erhielten durch das Modell seit 2009 gelungene Einblicke in betriebliche Praxis. Der Erwerb berufsrelevanter Handlungskompetenzen und die Vorbereitung auf einen späteren Einstieg in ein (regionales) Unternehmen stelle dabei ein zentrales Ziel dar. Die sieben Semester der praxisintegrierten Studiengänge umfasse jeweils 23 Wochen und gliedere sich in eine elfwöchige Praxis- und eine zwölfwöchige Theoriephase. In der Theoriephase würden klassische Präsenzveranstaltungen sowie Phasen von betreutem und nicht betreutem Selbststudium angeboten. Die Theoriephasen schlössen jeweils mit einer Modulprüfung ab. In den Praxisphasen arbeite der Studierende ähnlich eines Praktikums in einem der rd. 200 Kooperationspartner seiner Wahl. Über ein Onlineportal der Fachhochschule können sich Unternehmen und Studieninteressierte gleichermaßen vorstellen und Kontakte knüpfen. Im dritten, fünften und sechsten Semester arbeiten die Studierenden im Rahmen der Praxisphasen an einem Projekt, welches zudem durch ein Praxismodul flankiert werde. Das Thema der Projektarbeit werde in Absprache mit dem technischen Betreuer des kooperierenden Unternehmens abgestimmt und von einem Hochschullehrer genehmigt sowie begleitet. Den Praxisprojektabschluss bilde eine wissenschaftliche Hausarbeit. Alternativ zu dieser Struktur könnten die praxisintegrierten Studiengänge auch dual studiert und somit eine zusätzliche Berufsausbildung erworben werden, so Herr Miksch.

P@L – Entwicklung und Erprobung eines neuartigen Lehrformats vom konventionellen PoL zum interaktiven und kooperativen Blended-Learning-Szenario an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Frau Dr. Susanne Gerhardt-Szép beschrieb die zentralen Elemente des Projekt P@L der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Hierbei handele es sich um ein Angebot für Zahnmedizinstudierende des ersten klinischen Semesters im Fach „Zahnerhaltungskunde“. Dabei werde Problemorientiertes Lernen (PoL) und digitales Lernen (E-Learning) zum Blended Learning kombiniert. Das übergreifende Ziel von P@L, das erstmalig im Wintersemester 2012/13 angeboten wurde, sei eine Verbesserung der zahnmedizinischen Ausbildung, indem die Studierenden bestmöglich auf die Behandlung von Patienten vorbereitet werden. Gefördert werde P@L von der Stiftung für die Deutsche Wissenschaft. Durch P@L rücke das entdeckende, interaktive Lernen am virtuellen Patienten ins Zentrum. Dabei werden Patientenfälle Step-by-Step von der Diagnose bis zur Therapie virtuell und interaktiv aus Sicht eines Zahnarztes behandelt. Online-Selbstlernphasen und Offline-Gruppenarbeiten wechseln sich dazu ab. Begleitet werden die Studierenden im reellen PoL-Unterricht von studentischen Tutoren und Mentoring-Tutoren (zahnärztliche Mitarbeiter), die die Verknüpfung von elektronischen Lerninhalten und PoL-Fällen übernehmen. Die Verknüpfung von analoger und digitaler Welt ermögliche den Studierenden zusätzliche Erfahrungsräume, in denen sie ihr Wissen anwenden können. Die Begleitung durch Tutoren, die insbesondere die Verknüpfung zur virtuellen Lernumgebung koordinieren, gewährleiste, dass die Studierenden durch die vielfältigen Lernformen nicht überfordert werden. Diese Ausführungen und eine positive  Evaluation des Konzepts illustrierte Frau Dr. Gerhardt-Szép an Hand von Bildern und Grafiken.

"Der Coburger Weg“ an der Hochschule Coburg
last but not least skizzierte Frau Dr. Claudia Schlager den Coburger Weg, der seit dem Wintersemester 2011/12 an der Hochschule Coburg angeboten werde und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einer Laufzeit von fünf Jahren gefördert wird. Durch die breite Vermittlung berufsrelevanter Schlüsselkompetenzen werde durch den Coburger Weg die Vorbereitung auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts gefördert und die Beschäftigungsfähigkeit („Employability“) erhöht. Aufgrund interdisziplinär ausgerichteter und handlungsorientierter, in die Curricula der Studiengänge implementierter Module werde den Studierenden ein unmittelbarer Berufsbezug ermöglicht. Dafür erforderlich seien die stetige Aktualisierung berufsrelevanter Kompetenzen sowie curriculare Abstimmungen und Kooperationen der verschiedenen Studiengänge. Aktuell nehmen sechs Pilotstudiengänge am Coburger Weg teil: Integrative Gesundheitsförderung, Betriebswirtschaft, Versicherungswirtschaft, Bauingenieurwesen, Soziale Arbeit und Innenarchitektur. Die oben genannten Ziele der Hochschule Coburg sollen mit einem Drei-Säulen-Programm erreicht werden. In der Säule COnzept werde in vier interdisziplinären Modulen in insgesamt vier Studiensemstern im Curriculum verankert. Die Säule COQualifikation konzentriere sich auf die individuelle Förderung von Studierenden. Die dritte und letzte Säule COEvaluation habe die kontinuierliche, spätestens semesterweise Reflexion und Bewertung der Umsetzung des Coburger Wegs zum Ziel.

Fachgutachten: Employability und Praxisbezüge im wissenschaftlichen Studium, Teil 2


Professor Dr. Wilfried Schubarth der Universität Potsdam stellte auf der Tagung einen zweiten Teil des Fachgutachtens „Employability und Praxisbezüge im wissenschaftlichen Studium – Bestandsaufnahme der Employability-Debatte“ vor, das im Auftrag des Projekt nexus erstellt wurde.

Expertengespräch: Mehr Praxisbezüge im Studium?
und Schlussworte Professor Teuscher

Das Expertengespräch mit dem Titel „Mehr Praxisbezüge im Studium?“ fokussierte auf die unterschiedlichen Facetten und Implikationen von Praxisbezügen im Studium. Diese wurden im Kontext sich verändernder und gesteigerter Anforderungen an die Hochschulen gestellt und diskutiert, wie Praxiselemente gelungen einzubinden seien. Es wurde zu bedenken gegeben, dass Hochschulen in den letzten Jahren dynamisch Wandlungsprozesse durchlaufen haben, die sich in veränderten Strukturen des Studiums und sich ausdifferenzierenden Hochschulen wiederspiegeln würden, was sich auch auf die Integration von Praxiselementen auswirke. So wurden die erfolgsrelevanten Faktoren der präsentierten sechs Beispiele reflektiert und in den Kontext eines sich im Wandel begriffenen Hochschulwesens gestellt.    
Es wurde betont, dass es wichtig sei, die Themen Employability, Beschäftigungsfähigkeit und Berufsbefähigung und damit einhergehenden Anforderungen transparent zu kommunizieren. Die praktische Übersetzung und Einübung von theoretischen Zusammenhängen sei ausgesprochen über Praxisbezüge zu leisten, die einen ausreichenden Stellenwert im Studium einnehmen sollten. Hochschulen sollten zur Ausgestaltung ihrer Ziele je eigene Konzeptionen der Umsetzung entwerfen und diese mit Leben füllen. Hierbei ständen Hochschulen zusehends vor der Herausforderung auch für Bereiche und Beschäftigungsfelder zu qualifizieren, die es in der Form so noch gar nicht gibt.
Es wurde herausgestellt, dass an Hochschulen ein hoher Anteil an Praxisbezügen wahrzunehmen ist. Es habe sich vieles in dieser Hinsicht entwickelt, worauf sich jedoch nicht ausgeruht werden könne. So müsse weiter und vor allem an der Verankerung von Praxisbezügen in den Curricula und einzelnen Lehrveranstaltungen gearbeitet werden. Dabei sollte es nicht unbedingt mehr Praxisbezüge und etwa Praktika geben, sondern die bestehenden Verschränkungen sollten ganz spezifisch optimiert und weiterentwickelt werden. Was zu vermeiden sei, sei eine intensive Einflussnahme der Unternehmen auf die Hochschulen, wenn es um in Praktika zu vermittelnde Inhalte geht. Dies gelte auch für Abschlussarbeiten, die in Unternehmen geschrieben werden. Themenfelder sollten zwar gemeinsam identifiziert werden, jedoch sei die Selbst- und Eigenständigkeit der Hochschulen unabdinglich zu wahren.
Die Diskutanten auf dem Podium waren sich einig, dass Praxisbezüge nur sinnvoll und gewinnbringend sind, wenn sie an den Hochschulen mit einer guten Vor- und Nachbereitung als auch Begleitung professionell ausgerichtet werden. So seien gerade Phasen der Reflexion wichtige Bestandteile, die ebenfalls systematisch angeleitet werden wollen. Gesichtspunkte einer unumgänglich nachhaltigen Gestaltung von Praxiselementen, wurden des Weiteren in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt und Möglichkeiten einer weitergehenden Qualifizierung von Lehrenden hinsichtlich der Vermittlung und Integration von Praxisbezügen angedacht.
 
Schlussworte Professor Dr. Micha Teuscher

In seinem an das Expertengespräch anschließenden Schlusswort hob Professor Teuscher hervor, dass er äußerst fruchtbare Diskussionen erlebt habe, die vertiefte Einblicke zu den vorherrschenden Herausforderungen und möglichen Chancen von Praxisbezügen im Studium vermitteln konnten. Zudem konnte durch die Veranstaltung verdeutlicht werden, wie facettenreich gelungene Praxisbezüge aussehen und adaptiert werden. Er resümierte, dass sich die Hochschulen auf einem guten Weg befänden, was die Umsetzung qualitätsgesicherter Praxisbezüge im Studium anbelange, der zudem konsequent weiter zu gehen sei. Insgesamt habe sich in den beiden Veranstaltungen zu „Persönlichkeiten für den Arbeitsmarkt wissenschaftlich qualifizieren“ gezeigt, dass das Ziel nicht nur ein „Mehr“ an Praxisbezügen sein könne, sondern dass die vorhandenen Bezüge auch qualitativ hochwertig auszurichten und gelungen zu integrieren seien.

Jede Hochschule müsse aber ihren eigenen Weg gehen können. So habe auch Professor Schubarth Empfehlungen und Hinweise für die individuelle Hochschulentwicklung gegeben. Verallgemeinernd ließe sich aber festhalten, dass Arbeitsweltkompetenz als Anforderung für die Lehre in den Hochschulen stärker diskutiert werden sollte. Es bedürfe einer fächerspezifischen Umsetzung dessen, was Praxisbezug bieten kann. Im Kern drehe es sich aber auch im Kontext von Employability um das Anwenden wissenschaftlicher Methoden und um das Üben des Transfers. Dabei müsse der arbeits- und lebensweltliche Bezug immer wieder von einer unmittelbaren und ausschließlichen wirtschaftlichen Verwertung abgegrenzt werden.

Abschließend stellte Professor Teuscher die Frage, was zu tun sei, und beantwortete sie folgendermaßen:

  • Die Hochschulen müssten sich auf den Weg machen!
  • Die Hochschulen müssten sich untereinander weiter austauschen, sich  wechselseitig anregen lassen und Veränderungen bei sich zulassen.
  • Die Hochschulen müssten eine institutionelle Diskussion unter ihren Hochschullehrerinnen und ‑lehrern initiieren.
  • Die Hochschulen brauchen regelmäßig Verbleibsstudien der Absolventinnen und Absolventen, um deren Erfahrungen abfragen und Anregungen bedenken zu können.
  • Schlussendlich müssten die Hochschulen auch die didaktische Entwicklung in der Hochschullehre stärken. Hier gelte es auch die Frage nach der Bedeutung von „Lehrfreisemestern“ zu stellen, um so der Lehre und ihrer zyklischen Erneuerung neben der Weiterentwicklung der Fachwissenschaft durch Forschung eine größere und angemessenere Bedeutung in Wissenschaft und Hochschule zu geben.

Zusammenfassend sagte er: „Wir befinden uns auf einem guten Weg, der konsequent weiter gegangen werden muss.“

Professor Teuscher bedankte sich bei allen Referentinnen und Referenten sowie dem Moderator, Herrn Wiarda für ihre Beiträge. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dankte er für die rege Diskussion sowie dem Organisationsteam um Herr Dr. Zervakis für die Organisation, die Vor- und Nachbereitung dieser Veranstaltung. Er verband dies mit der Hoffnung, dass alle sich von den Anregungen inspirieren lassen.