Kompetenzen im Fokus: Instrumente für gute Anerkennung und Anrechnung

23. und 24. Januar 2018, Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm

Wie lassen sich Kompetenzen, die ein Studierender an einer anderen Hochschule oder in beruflichen Kontexten erworben hat, sichtbar machen und vergleichen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der nexus-Tagung „Kompetenzen im Fokus – Instrumente für gute Anerkennung und Anrechnung“ am 23. und 24. Januar an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

Studiengänge, so Prof. Dr.-Ing. Niels Oberbeck, Vizepräsident für Lehre und Studium an der TH Nürnberg, in seiner Begrüßung, müssten „vom Ende“ aus gedacht werden: „Es geht um die Frage, welches Kompetenzprofil erreicht werden soll.“ Nur wenn Modul- und Studiengangziele lernergebnisorientiert beschrieben seien, könnten sie mit denen anderer Hochschulen oder solchen aus der Berufsbildung abgeglichen werden. In der anschließenden Diskussion – an der neben Oberbeck ein Studierender sowie jeweils ein Vertreter der IHK und des bayrischen Kultusministeriums teilnahmen, wurde zudem der Auftrag der Hochschulen, auch individuelle Bildungsbiografien zu unterstützen, betont.

Die Erhöhung der Mobilität in allen Studienphasen ist ein wichtiges Ziel der Internationalisierung der deutschen Hochschulen und ein zentrales Thema im HRK-Projekt „nexus - Übergänge gestalten, Studienerfolg verbessern". Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist die möglichst umfassende und reibungslose Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen im nationalen und internationalen Kontext. Die Anrechnung von Kenntnissen und Fähigkeiten, die außerhalb des Hochschulwesens erworben werden, hat einen zentralen Stellenwert für die Integration der nicht-traditionellen Studierendengruppen in die Hochschulen und erleichtert den Übergang zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung. Gemeinsames Ziel von Anerkennung und Anrechnung ist es, bereits erworbene Kompetenzen nicht mehrfach abzufragen und Studienzeiten somit nicht unnötig zu verlängern.

Hochschulen sollen dafür gute und transparente Verfahren entwickeln, die den Vergleich von Kompetenzen bzw. Lernergebnissen zum Ziel haben. Kompetenzorientierte Anerkennung und Anrechnung setzen zudem voraus, dass Modulbeschreibungen und Studiengangsziele lernergebnisorientiert formuliert sind. Im Zentrum der inhaltlichen Entscheidung steht der Kompetenzvergleich, der sich entweder auf einen wesentlichen Unterschied oder die Gleichwertigkeit der Kompetenzen bzw. Leistungen bezieht. Doch wie funktioniert dieser Vergleich im Detail und welche Instrumente bieten sich in der Praxis an, um Anerkennungs- und Anrechnungsentscheidungen möglichst einfach und effizient durchzuführen und zu dokumentieren? Damit beschäftigten sich rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in mehreren Workshops. Darüber hinaus nahmen sie am Ende der Tagung nicht nur zahlreiche Anregungen zur Etablierung und Förderung einer guten Anerkennungs- und Anrechnungskultur, sondern auch einige Praxisbeispiele – etwa zu Anrechnungsportfolios, zur Notenumrechnung oder Datenbanken – mit, die auf der Tagung vorgestellt wurden.



Vortragsfolien, Reflexionen und Ergebnisse

Gesprächsrunde: Ziele und Folgen von Anerkennung und Anrechnung
Michael Heinl, Universität Ulm
ORR Markus Scholz, Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
Prof. Dr. Niels Oberbeck, Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm
Jochen Raschke, Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Kompetenzen im Fokus - so lautete der Tagungstitel - und die Bedeutung dieser Sichtweise bestätigten auch die Diskutanten in der Gesprächsrunde. So betonte Professor Dr. Niels Oberbeck, Vizepräsident für Lehre und Studium der TH Nürnberg zu Beginn, dass die Hochschulen in Bezug auf Anrechnung und Anerkennung in den letzten zehn Jahren einen Kulturwandel vollzogen hätten, der eine Kehrtwende in der Denkweise notwendig gemacht habe. Da Hochschulen einen staatlichen Bildungsauftrag hätten, sollten sie sich daran orientieren, was gut und wichtig für die Gesellschaft sei. Daher sollten sie auch zunehmend auf individueller werdende Bildungswege reagieren und Durchlässigkeit fördern. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer in der Feststellung, dass der Dialog zwischen der beruflichen Bildung und den Hochschulen fortgeführt werden und beide Seiten gesprächsbereit bleiben sollten. Bilaterale Dialoge schafften hierbei Vertrauen und könnten eine gute Basis für Zusammenarbeit bilden. Durchlässigkeit sollte nicht nur in eine Richtung gelten, auch Studienabbrecher müssten erleichterte Wege in die berufliche Bildung bekommen.

Dies gelte umso mehr, da es mittlerweile viele unterschiedliche Bildungswege gebe und die Zeit, in monolithischen Wegen zu denken, vorbei sei, so Joachim Raschke von der IHK Nürnberg. Schüler müssten sich nicht mehr nach der mittleren Reife oder dem Abitur für einen Weg entscheiden, sondern könnten auch später noch andere Wege einschlagen. Markus Scholz vom bayerischen Bildungsministerium pflichtete ihm bei und stellte fest, dass individuelle Wege ermöglicht und gestaltet werden müssten, zum Beispiel auch der Studienfach- oder Ortswechsel. Dabei sei es wichtig, dass Einzelne nicht unter die Räder gerieten, sondern ihren Weg an der Stelle fortsetzen können, wo sie woanders aufgehört haben.

Ebenso müssten beruflich qualifizierte Studienanfängerinnen und -anfänger an unterschiedlichen Stellen starten können, je nachdem, welche Kompetenzen sie bereits mitbringen, ergänzte Professor Oberbeck. Zwar sei es ist richtig, dass beruflich vorqualifizierte Studierende häufig Wissenslücken aufweisen, gleichzeitig brächten sie aber auch bereits viele andere Kompetenzen mit, z. B. im Bereich der Sozial- oder Managementkompetenzen. Um die entsprechenden Voraussetzungen dafür zu schaffen, müssten Studiengänge vom zu erreichenden Kompetenzprofil gedacht werden.

Michael Heinl, Student der Universität Ulm und Mitglied im Runden Tisch Anerkennung des Projekts nexus hob die Bedeutung von Anerkennung für die Förderung der Studierendenmobilität hervor: Nur, wenn die Studierenden die Sicherheit hätten, dass Leistungen von ausländischen Hochschulen für ihr Studium anerkannt werden, könne die angestrebte Mobilitätsrate erreicht werden. Anrechnungs- und Anerkennungsprozesse müssten daher an Hochschulen so etabliert werden, dass die Studierenden darauf vertrauen könnten, außerhalb der eigenen Hochschule erworbene Leistungen auch angerechnet bzw. anerkannt zu bekommen. In diesem Kontext seien insbesondere hochschulische Beratungsstellen für beruflich Qualifizierte und anerkennungssuchende Studierende von hoher Bedeutung. Diesen Punkt schloss auch Herr Professor Oberbeck ein, als er einige Faktoren hervorhob, die besonders geeignet seien, die Anerkennungskultur und -praxis in Hochschulen zu verbessern. Darüber hinaus gehörten u.a. Informationen für die beteiligten Akteure, eine klare Rechtslage, einheitliche Antragsformulare und ähnliche Verfahren. Die Technischen Hochschule Nürnberg habe zudem gute Erfahrungen mit pauschalen Anrechnungsverfahren gemacht, bei denen Kooperationsverträge zum Beispiel mit Fachoderschulen geschlossen wurden. In diesen Fällen habe man einmal viel Aufwand aber dafür nicht mehr mit den individuellen Anträgen.


Impuls
Der Kompetenzvergleich in der Praxis: Anspruch und Wirklichkeit
Susanne Lippold
, Ruhr-Universität Bochum

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Frau Lippolds Vortrag fokussierte auf die Anerkennung im Ausland erworbener Studienleistungen und dem Umgang in der Anerkennungspraxis mit dem wesentlichen Unterschied. Wesentliche Parameter sind neben dem rechtlichen Rahmen die Prozessgestaltung (Entscheidungskriterien für Anerkennung) und die an der Hochschule vorherrschende Anerkennungskultur. Nachdem sie grundlegende inhaltliche Aspekte dieser drei Parameter erläuterte, stellte sie Praxisbeispiele für (curricular verankerte) Anerkennung vor: von Container-Modulen im Wahlpflicht-/Wahlbereich über curricular verankerte Auslandssemester hinzu Einzelanerkennungen. Dabei stellte sie eine Auswahl und Möglichkeiten der Anerkennung im Ausland erworbener Kompetenzen dar, die auch die Anrechnung außerhochschulisch erworbener Kompetenzen berücksichtigen. Sie betonte die Bedeutung der Einbindung aller Statusgruppen in die Studiengangs­entwicklung oder -überarbeitung sowie die Beteiligung von Studien- und Prüfungsämtern, Anerkennungsbeauftragten und der für Qualitätsmanagement zuständigen Stellen an diesem Prozess. Dies unterstütze Fakultäten darin, Anerkennung und Anrechnung bei der Konzeption von Studienangeboten mitzudenken. Die gemeinsam gefundenen Regeln zu Anerkennung und Anrechnung sollten auch bei der Vorbereitung und Aufnahme des Studienbetriebs in die Studiendokumente festgeschrieben werden. Frau Lippold unterstrich, dass eine positive Anerkennungskultur eine wichtige Bedingung für die Förderung studentischer Mobilität sei.


Ergebnisse aus den Workshops


Zusammenfassung

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Die Lissabon-Konvention hat das Ziel Mobilität zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen alle Akteure einer Hochschule überzeugt sein diesen Wandel mitzugestalten. Frau Professorin Jost, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Internationales der Hochschule RheinMain appellierte in ihrem Vortrag an die Hochschulleitungen, sich diesem Thema anzunehmen und dabei die Unterstützung engagierter und offener Lehrender einzubeziehen. Bei Anerkennungs- und Anrechnungsentscheidungen gäben Studiengangs- und Modulverantwortliche immer auch ein Teil ihrer eigenen Verantwortung an eine andere Stelle ab. Da dies nicht einfach sei, sei Kommunikation innerhalb der Hochschule der Dreh- und Angelpunkt, um Durchlässigkeit und Mobilität zu fördern. Sie illustrierte hierbei ihre Methode des „kommunikativen Rauschens“, der regelmäßigen und durchgängigen Kommunikation, bei dem anlassbezogen in verschiedenen Gremien und auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder Anerkennungs- und Anrechnungsthematiken diskutiert wurden. Von entscheidender Bedeutung, um das Thema zu befördern seien zentrale Unterstützungsmaßnahmen wie z.B. webbasierte Tools aber auch Personen, die als Anerkennungsbotschafter und somit als Multiplikatoren innerhalb einer Hochschule agieren. Frau Jost berichtete, dass an der Hochschule RheinMain der Prozess der Anerkennung umstrukturiert und teilweise vereinheitlicht, sowie eine selbstentwickelte Datenbank eingeführt wurde. Zukünftig seien noch die Freischaltung der Datenbank für Studierende und automatisierte Funktionen wie z.B. Erinnerungs-E-Mails zur Einhaltung von Fristen geplant.


Impulse aus der Praxis der Hochschulen

Der Anerkennungsleitfaden
Ass. jur. Silke Bergmann, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Ass. jur. Diana Boteva, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Frau Boteva stellte den umfangreichen Leitfaden zur Anerkennung von Qualifikationen, Studien- und Prüfungsleistungen auf der Grundlage von Kompetenzen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vor und betonte, dass dieser eine praktische Arbeitshilfe für Lehrende und Studierende darstelle, die mit dem Thema „Anerkennung“ zum ersten Mal in Berührung kommen. Der Leitfaden verschafft einen Überblick über die gesetzlichen Voraussetzungen für eine rechtskonforme und interessensgerechte Anerkennung und erläutert die wesentlichen Grundbegriffe. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Anerkennungsverfahren gelegt als eines der wichtigsten Instrumente für die Gestaltung einer einheitlichen, fairen und transparenten Anerkennungspraxis gelegt.

Die Anerkennungsdatenbank
Ricarda Oehlmann, Georg-August-Universität Göttingen

Zusammenfassung

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Basierend auf den Daten der Prüfungsverwaltungssoftware FlexNow können angehende Outgoings in der Datenbank der Universität Göttingen einsehen, welche Prüfungsleistungen ihrer ausländischen Wunschuniversität in Göttingen bereits anerkannt wurden. Sowohl die angerechneten Kreditpunkte als auch das Entsprechungsmodul im Studiengang sind dargestellt. Diese Orientierung macht die Passung von Kursen ersichtlich und bietet eine Entscheidungshilfe, welche der ausländischen Veranstaltungen im Learning Agreement aufgenommen werden in dem sicheren Wissen die Leistungen bei Rückkehr anerkannt zu bekommen. Anhand eines Falls, illustrierte Frau Oehlmann den Prozess des Anerkennungsverfahrens an der Universität Göttingen mithilfe der Verwaltungssoftware FlexNow, wodurch sich u.a. der Anerkennungsprozess verkürzt und der Arbeitsaufwand für die Studienberatung als auch für die Fachprüfer verringert und gleichzeitig den Studierenden eine Orientierungshilfe als auch eine Sicherheit für die Anerkennung von auswärtig erworbenen Studien- und Prüfungsleistungen gibt.

Die Anrechnungs- und Anerkennungsdatenbank
Ass. jur. Nermin Köklüce, Fachhochschule Bielefeld

Zusammenfassung

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ZeDoLa ist die zentrale Referenzfalldatenbank für die Vereinfachung der zentralen Dokumentation und des Prozesses der Anerkennung und Anrechnung von Prüfungsleistungen an der FH Bielefeld. Diese Datenbank wird in der gesamten Hochschule genutzt und stellt eine Unterstützung des Verfahrens zur Anerkennung von hochschulischen und Anrechnung außerhochschulischen Leistungen dar. Frau Köklüce erläuterte die Gründe für die Einführung der Datenbank und den Anerkennungsprozess an der Hochschule als Grundlage für die Verwendung der Datenbank. Sie zeigte die Funktionsweise (Eingabe/Erfassung von Leistungen und Suchfunktion) der Datenbank sowohl anhand eines Anerkennungs- als auch eines Anrechnungsbeispiels auf und thematisierte die Vorteile und Schwierigkeiten der Nutzung einer Datenbank. 

Notenumrechnung mit EGRACONS
Julia-Sophie Rothmann, Justus-Liebig-Universität Gießen

Zusammenfassung

Zusammenfassung

EGRACONS (European Grading Conversion System) steht für eine datenbasierte und transparente Notenumrechnung „auf Knopfdruck“ unter Berücksichtigung von relativen Noten, wie sie auch der ECTS Users‘ Guide 2015 empfiehlt. Frau Rothmann zeigte mittels einer Einführung des Systems die Vorteile von EGRACONS aber auch dessen Grenzen auf. Anhand des Beispiels Ihrer Hochschule veranschaulichte sie, dass unterschiedliche Akteure der Hochschule (Hochschulleitung, Studium und Lehre, Prüfungsverwaltung, Rechtsabteilung und Kanzlerbüro (Statistikabteilung)) zur Teilnahme bei EGRACONS miteinbezogen werden müssten. Zudem zeigte sie die einzelnen Schritte auf, um die Voraussetzungen zur Anwendung von EGRACONS zu schaffen. 

Die Anrechnungsbeauftragte
Doris Wansch, Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Die Technische Hochschule Nürnberg bündelte das Thema „Anrechnung und Studieren mit beruflicher Qualifikation“ in einer zentralen Anlaufstelle. Frau Wansch erläuterte in Ihrem Vortrag die Aufgaben dieser Beauftragten:  Sie entwickelte ein Verfahren für individuelle Anrechnung mit Portfolios, erstellte einen Leitfaden zur Anrechnung für Studierende und beriet Studieninteressierte und Studierende in Anrechnungsfragen. Des Weiteren begleitete sie die Entwicklung pauschaler Anrechnungsverfahren und von Kooperationen. Sie ist gleichermaßen Anlaufstelle für die Anrechnungsbeauftragten an der Hochschule, allen voran für die Prüfungskommissionen und das Studienbüro (Prüfungsamt). Zusammen mit dem Vizepräsidenten für Studium und Lehre lud sie mehrfach zu Informations- und Austauschtreffen zu den Themen Anrechnung und Anerkennung ein. Die intensive Platzierung des Themas und der fakultätsübergreifende Austausch unter den zuständigen Akteuren führten an der Hochschule in den letzten Jahren zu deutlich mehr Transparenz und Offenheit in Anrechnungsangelegenheiten.