„Wir brauchen gemeinsame Eckpunkte“

21. Mai 2015

Im Interview: Dr. Volker Rein forscht beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zu Themen an der Schnittstelle beruflicher und akademischer Bildung. Unter anderem hat er an der Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) mitgewirkt.

Welche Rolle spielen Lernergebnisse und Kompetenzen, wenn es um die Durchlässigkeit von beruflicher und akademischer Bildung geht?
Durchlässigkeit kann nur erreicht werden, wenn wir vom Ziel her denken, also Ergebnisse unterschiedlicher Bildungswege vergleichen.  Eine kompetenzbezogene Lernergebnisorientierung ist also ein wichtiger Schlüssel für Anerkennung und Anrechnung.  

Für beide Bildungsbereiche ist in Deutschland nach der Implementierung der europäischen Bildungsprozesse 1999 in Bologna für die akademische Bildung und 2002 in Kopenhagen für die berufliche Bildung vereinbart worden, die Gestaltung der Bildungsgänge, d.h. die  Curricula, Didaktik und Prüfungen nach Lernergebnissen entsprechend zu erwerbenden Kompetenzen auszurichten.

Trotz der Öffnung der Landeshochschulgesetze seit 2002 zur Anerkennung von erworbenen Lernergebnissen der beruflichen Bildung auf Studiengänge hinkt die Umsetzung der Durchlässigkeit jedoch noch deutlich hinterher. Daran haben auch das BMBF-Projekt Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf hochschulische Studiengänge (ANKOM, 2005-2014) sowie die Implementation der bildungsbereichsübergreifenden DQR (seit 2011) zwischen Bildungsbereichen bisher wenig geändert. Dieses Phänomen ist nicht nur in Deutschland sondern auch in anderen Ländern zu beobachten.

Ein Problem dabei ist, dass die Bildungsbereiche sich bis heute noch auf keine gemeinsamen Eckpunkte für die Gestaltung kompetenzbezogener Qualitätsentwicklung von Bildungsgängen bzw. Qualifikationen verständigt haben.

So orientiert sich traditionell die akademische Bildung auf die Befähigung zur Lösung von Problemen im Rahmen der jeweiligen akademischen Disziplin und die berufliche Bildung auf die Befähigung zur Lösung praktischer beruflicher Aufgaben. Dies schreibt die strukturelle Versäulung der Bildungsbereiche über die Gestaltung von Bildungsgängen fort und behindert weiter die Durchlässigkeit.

Können berufliche und hochschulische Seite zu einem gemeinsamen Verständnis von Lernergebnisorientierung kommen und wenn ja, wie?
Beide Seiten müssen sich auf Eckpunkte für eine kompatible Gestaltung der Bildungsgänge entsprechend einer kompetenzbezogenen Lernergebnisorientierung z.B. in der Qualitätssicherung und -entwicklung, verständigen. Das heiß nicht, dass dabei der spezifische Charakter und Auftrag der Bildungsbereiche, wie z.B. die Forschungsorientierung der hochschulischen Bildung, geschwächt und funktional reduziert wird.

Kann die Lernergebnisorientierung eine Brückenfunktion einnehmen, um die Kommunikation in unserem versäulten Bildungssystem zu fördern?
Sie hat z.B. ein großes Potential zur Beförderung der Kommunikation zwischen den beiden Bildungsbereichen in der Gestaltung der Bildungsgänge (Curricula, Didaktik, Prüfungen etc.) wie der Durchlässigkeit, da sie beide hierdurch die „berufsbezogene Kompetenz“ (Bologna Dokument) bzw. die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen befördern möchten.

Voraussetzung hierfür ist auch dabei konsequent zu  berücksichtigen, dass die Hochschulen untrennbar verbunden mit der Wissenschaft und dadurch auch selbst Teil des Beschäftigungssystems sind. Des weiteren befördert eine kompatible Lernergebnisorientierung die Durchlässigkeit akademischer Bildungsgänge gegenüber beruflichen Bildungswegen z.B. in der Fortbildung.   

Welche Schlüsselbegriffe verlangen nach einer gemeinsamen Definition zur Verbesserung der Durchlässigkeit?
Für eine bildungsbereichsübergreifende Definition der Kernbegriffe „Lernergebnisse“ und „Kompetenz“ liefert der DQR sind wichtige terminologische Ankerpunkte. Es wird darauf zu achten sein, dass bereits für Teilbereiche und Disziplinen entwickelte Definitionen hierzu kompatibel bleiben.

Für das Verständnis des zentralen Begriffs ‚Praxis‘ gilt es sicherzustellen, dass sowohl die akademische als auch die berufliche Bildung in seiner Bedeutungsreichweite auch den Bezug zur innerakademischen Praxis berücksichtigen, in der in den Studiengängen Kompetenzen erworben werden, die innerhalb als auch außerhalb der Hochschulen angewendet werden können. 

Schließlich würde eine Verständigung über ‚Beruf‘ in seinen abschlussbezogenen und erwerbsbezogenen Bedeutungskomponenten zur Verbesserung der Kommunikation und Durchlässigkeit beitragen. Dies würde der Tatsache Rechnung tragen, dass Beruf in beiden Komponenten weit über dualen Bildungsbereich hinaus historisch wie allgemein gesellschaftlich verankert ist.

Wie könnten die bestehenden Instrumente dazu weiterentwickelt werden?
Die Hochschulen werden nicht umhin können, stärker als bisher bei einer Prüfung der Anerkennung von erworbenen Lernergebnissen aus der beruflichen Bildung ihren eigenen Maßstab eines beruflich-wissenschaftlichen Kompetenzerwerbs zu überprüfen, der die Messlatte zur Befähigung von Studienabsolventen sowohl für den inner- als auch außerakademischen Arbeitsmarkt darstellt.

Im Sinne dieser akademischen Doppelqualifizierung ist die Anerkennung außerakademisch erworbener Lernleistungen untrennbar verbunden mit einer konsequenten Umsetzung und ggf. erforderlichen Weiterentwicklung der kompetenzbezogenen Lernergebnisorientierung in den Studiengängen selbst. Auch eine Orientierung an entsprechend entwickelten Akkreditierungsempfehlungen steht der Hochschulautonomie nicht im Wege.

Dr. Rein gibt hier auf der Grundlage seiner langjährigen Expertise ausschließlich seine persönliche Einschätzung wieder.