Neuer Sammelband: Ist der Bologna-Prozess gescheitert?

1. Januar 2017

Der vorliegende Sammelband geht auf eine Initiative des Vorsitzenden der Alfred-Toepfer-Stiftung zurück, den Herausgeber mit der Ausrichtung der Themenwoche „Siggener Begegnungen“ im Jahre 2016 zu betrauen. Was lag für den ehemaligen Rektor der Universität Bremen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz näher, als den Bologna-Prozess vorzuschlagen? Immerhin beschäftigt ihn die Europäische Studienreform ebenso hochschulpolitisch wie wissenschaftlich seit mehr als 15 Jahren.

Der Bologna-Prozess hat die wohl umfassendste Reform der deutschen Hochschulgeschichte eingeleitet. Er hat im Jahre 1999 mit der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung von damals 29 Wissenschaftsminister/innen europäischer Länder begonnen, wobei bis heute unklar sein dürfte, ob als „politische Vision oder pragmatische Antwort“ (Zervakis 2004). Die Bologna-Reform ist eine freiwillige Vereinbarung von heute 48 Ländern, die zu einem großen Teil nicht Mitglieder der Europäischen Union sind und z.T. sogar geografisch nicht zu Europa gehören. Diese Reform beinhaltet sowohl strukturell „harte“ Maßnahmen wie z.B. die gestufte Studienstruktur als auch „weiche“ Ziele wie die „studierendenzentrierte Lehre“. Motivierend war für alle Länder jedoch die Aussicht auf die Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraums mit hoher Mobilität der Studierenden und Wissenschaftler/innen.

Und auch die anderen fünf Autoren (und eine Autorin) dieses Bandes haben sich in verschiedenen Funktionen und Positionen der Hochschulforschung, -didaktik, -politik und des Hochschulmanagements über mehr als 15 Jahre mit der Bologna-Reform intensiv auseinandergesetzt. Einige waren und sind an Entscheidungen der deutschen Hochschulen zur Umsetzung der Studienreform beteiligt. Gemeinsam ist ihnen das große Interesse an den Wirkungen dieses Prozesses auf den Erfolg von Lehren und Lernen in den Studiengängen der deutschen Hochschulen.  Daher nehmen sie In diesem Band eine jeweils eigene Standortbestimmung mit folgenden Schwerpunkten vor:
• Studieren im Europäischen Hochschulraum (Holger Burckhart und Christian Tauch)
• Kritik der Modularisierung (Ludwig Huber)
• „Employability“ (Ulrich Teichler)
• Internationale Mobilität der Studierenden (Ulrich Heublein)
Akkreditierung (Margret Bülow-Schramm)
• Akteurkonstellationen der Reform (Wilfried Müller)

Bei dieser durchaus kritischen „Zwischenbilanz“ geht es gar nicht so sehr um die Bewertung der eigentlichen Bologna-Reform, wie der Buchtitel vermeintlich suggeriert, sondern um die Beantwortung einer konkreten Frage, ob die deutsche Umsetzung des Bologna-Prozesses gescheitert ist. Denn immerhin hat die Bologna Erklärung den Signatar-Staaten die Chance auf eine eigenständige Interpretation gegeben. Hiervon haben viele Länder, so auch Deutschland, reichlich Gebrauch gemacht und einige Sonderwege, wie z.B. das Staatsexamen in Jura, Medizin und Pharmazie sowie in der Lehrerbildung in einigen Bundesländern, beibehalten. Die Umsetzung hat an den deutschen Hochschulen sehr lange gedauert, viel z. T. auch ungerechtfertigte Kritik nach sich gezogen und vorübergehend grundlegende Mängel schonungslos aufgewiesen, insbesondere in den anfangs inhaltlich völlig überfrachteten Bachelorprogrammen der Universitäten. Heute sind einige dieser Probleme gelöst, aber beileibe nicht alle: So sind Verrechtlichung und Verschulung der Studiengänge noch zu groß und die Abbruchraten der Studierenden werden in einigen Fächern als zu hoch wahrgenommen.

Müller und seinen (Mit-) Autoren fällt es angesichts der Komplexität der Thematik und der unvollständigen Datenlage schwer, eine klare Antwort auf ihre Leitfrage zu geben. Nicht nur haben BMBF und KMK „Bologna“ vorwiegend zur Legitimation ihrer eigenen bildungspolitischen Ziele genutzt, die sie bereits vor der Formulierung der eigentlichen Bologna-Erklärung den Hochschulen verbindlich vorgegeben hatten, sondern die für die Hochschulen in Europa verantwortlichen Wissenschaftsministerinnen und -minister haben zudem regelmäßig nach ihren Gipfeltreffen immer wieder auch neue Ziele formuliert bzw. ihre Prioritäten verändert. Vor allem jedoch sind in den letzten zwei Dekaden parallel zum Bologna-Prozess so viele Reformen wie die Einführung von Zielvereinbarungen, die leistungsorientierte W-Besoldung für Professorinnen und Professoren und die Exzellenzinitiative in der Forschung in den deutschen Hochschulen implementiert worden, dass es sichtlich schwer fällt zu unterscheiden, „welche Reform für bestimmte Wirkungen verantwortlich zeichnet“ (S. 5). Trotzdem wagen die in diesem Band versammelten Experten eine wohl abwägende, differenzierende Zwischenbilanz, angereichert durch wissenschaftliche Erkenntnisse und eigene Erfahrungen.

Bei allen Zweifeln am von oben vorgegebenen deutschen Reformweg sind sich der Herausgeber und seine Mitautoren einig, dass der Bologna-Prozess zumindest „nicht als gescheitert“ angesehen werden könne. Denn die Bologna-Reform hat es trotz vieler Hindernisse und im Gegensatz zur früheren Studienreformbewegung sowie nicht zuletzt dank des systemstabilisierenden milliardenschweren Förderpakts Qualitätspakt Lehre geschafft, als wichtiger Impulsgeber „Fragen der Gestaltung von Lehre und Studium und deren Qualität und Organisation eine größere hochschulstrukturelle und -politische Rolle zukommen zu lassen.“ (S. 11) Allerdings meldet Müller sogleich einen Vorbehalt an: Noch hält er es für völlig offen, „ob die Zeit bis zum Auslaufen der Förderprogramme im Jahre 2020 ausreicht, um den begonnenen Reformprozess an den Hochschulen politisch und kulturell zu stabilisieren.“ (S. 136).

Wilfried Müller (Hg.). Ist der Bologna-Prozess gescheitert? Siggener Begegnungen 17. bis 22. August 2015, UVW 2016

Besprechung Peter A. Zervakis, Projektkoordinator nexus