Neue Monographie: Nationale Gelingensbedingungen der Europäischen Hochschulreform

1. Mai 2018

20 Jahre nach der berühmten Sorbonne-Erklärung der vier Unterzeichnerstaaten Deutschland, Vereinigtes Königreich, Frankreich und Italien zur Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraums (EHR) und nach der 10. Ministerkonferenz in Paris im Mai wird eines immer deutlicher: Die Implementation der verkürzend mit Bachelor und Master assoziierten Vision einer paneuropäischen Studien- und Hochschulreform ist beileibe kein nur technisches Projekt (mehr?). Ohne die Androhung von Sanktionen hat das rein zwischenstaatliche Bologna-Regime zu einer strukturellen Transition der Hochschulbildungssysteme mit besserer Vergleichbarkeit der Ergebnisse („outcomes“) und mehr Mobilität geführt.

Nicht nur die Umstellung auf egalitäre, studierendenzentrierte Lehr- und Lernmethoden, sondern auch die sozialreformerische Motivation zur Durchsetzung von mehr Bildungsgerechtigkeit und anhaltende Wachstumsträume durch mehr Technologie und Innovationen scheinen Bologna bisher weitgehend gegen obrigkeitsstaatliche, autoritäre und populistische Strömungen zu immunisieren. Der Impetus zu Wandel und mehr Wertschätzung der Lehre, die synonym für „Bologna“ stehen, ist in den Hochschulen (zumindest einiger) Mitgliedsstaaten angekommen und stößt jedoch vor Ort auf unterschiedliche, staatlich tradierte Gelingensbedingungen, die mal förderlich und mal hinderlich für das lokale institutionelle Change Management ausfallen können.

Es gehört daher zu dem unbestrittenen Verdienst dieser aktuellen und mit unter 200 Seiten (inklusive umfangreicher Bibliographie) knapp gehaltenen und konzise formulierten Monographie aus einem Guss, dass die Autorin – ehemalige leitende Oxford-Volkswirtin mit Russland-Expertise im britischen Wirtschafts- und Finanzministerium und gegenwärtige Honorar-Professorin an der Cardiff University in Wales – dem Bologna-Prozess nicht nur in seinen weitverzweigten historischen und politischen Kontexten gerecht wird, das haben schon einige vor ihr versucht. Vielmehr bringt sie insbesondere auch die diversen nationalen Umsetzungslogiken anhand von kontrastierenden Fallstudien am Beispiel von drei der mittlerweile 48 Bologna-Mitglieder klar zum Vorschein.

Dazu entwirft sie In den ersten Kapiteln ihrer angenehm lesefreundlichen Studie einen vergleichsweise einfachen theoretischen Handlungsrahmen zum besseren Verständnis der vielen Implikationen im internationalen Beziehungsgeflecht des Bologna-Prozesses (S. 13-66). Es folgen vier eigenständige Länderstudien zu Deutschland, (S.67-98), Russland (S. 99- 126) und dem Vereinigten Königreich (mit nur England und Wales, S. 127-175) aus einer Feder. Sie hat ihre Untersuchungsobjekte eigens dafür bereist, was keine Selbstverständlichkeit mehr ist, um ausführliche Experteninterviews auch persönlich vor Ort führen zu können. Wer dies schon einmal getan hat, mag nachvollziehen, wie mühevoll das im Einzelnen sein kann. Auf diese Weise ist es ihr gelungen, historisch-soziologisch abgeleitete, typologisierende Erklärungsmuster für den jeweiligen Umsetzungsstand am Beispiel so gegensätzlicher Mitglieder wie England und Wales, die sie hier ungewöhnlicherweise getrennt analysiert, sowie Russland und Deutschland zu finden.

Anders als das abstrakt-komplexe New Public Management bringt Marquand die für die Bologna-Umsetzung verantwortliche Systemsteuerung im Mehrebenensystem zwischen EHR, föderal oder zentral organisierten nationalen Mitgliedsstaaten, deren Hochschulsysteme und einzelnen Hochschulen mit vielleicht etwas zu holzschnittartigen soziologischen Begrifflichkeiten auf den Punkt: Während sie die Hochschulbildung in Russland als traditionell „hierarchisch“ gesteuert (i.S. v. top down) einstuft, findet sie in Deutschland eine glückliche Kombination aus formell zwar hierarchisierenden (Bund/Länder bzw. Länder/Hochschulen), inhaltlich-materiell nichtsdestotrotz „kollegial-egalitären“, (i.S. v. button up) Umsetzungsmodi mit einem Höchstmaß an institutioneller Eigenverantwortung und konsensualen Aushandlungszwängen auf allen Ebenen vor, die zusammen genommen zu einer lebhaften demokratischen Kultur beitragen (S. 98). Trotz oder wegen dieses vorsichtigen und eher behäbigen, schildkrötenartig-langsamen („Aesop’s Tortoise“, S.67) Herantastens an die notwendig erachteten Reformprozesse in der Hochschullehre ist „Bologna“ in Deutschland entgegen allen publizistischen Widerständen zu einem festen Bestandteil der Hochschulentwicklung geworden (S.179).

Der durch „Bologna“ implizierte Wandel in der Hochschulkultur geht demzufolge v.a. über schrittweise Kompromisse und Kooperationen zum gegenseitigen Vorteil. Der radikale Ökonomismus in der Hochschulbildung, wie dies England (und anders als Wales und Schottland) zum Leidwesen der Autorin mustergültig vorführt, lässt „Bologna“ dagegen völlig irrelevant erscheinen, zumal die Engländer die Ziele schon lange nicht mehr erreichen können oder wollen, und degradiert den Bologna-Prozess allenfalls zu einer Mauerblümchen-Beschäftigung für englische Hochschuladministratoren.

Judith Marquand (2018), Democrats, Authoritarians and the Bologna Process. Universities in Germany, Russia, England and Wales (Emerald)

Annotation: Dr. Peter A. Zervakis, Projekt nexus