Interview zum interprofessionelles Lernen: „Einmal ist keinmal“

20. Februar 2018

Dr. Beat Sottas

Dr. Beat Sottas arbeitete bis vor zehn Jahren als Abteilungsleiter Bildung im Gesundheitsministerium der Schweiz. Als selbstständiger Berater und Forscher ist er in die neuen Medizinstudiengänge sowie in Projekte zur interprofessionellen Bildung und Versorgungskoordination involviert. Im Interview für den nexus Newsletter, welches Sie hier in der Langfassung lesen können, erklärt er unter anderem, warum Interprofessionalität für ihn ein Korrektiv der Spezialisierung ist. 

Warum tun wir uns in Deutschland immer noch vergleichsweise schwer mit der Interprofessionalität im Gesundheitswesen?
Es gibt sicher historische und kulturelle Gründe, insbesondere ein Lehr-Lernverständnis, das stark durch das Leitbild von Meister und Lehrling geprägt wird. Die akademische Welt hat sich im Gesundheitsbereich – soziologisch gesehen – noch nicht davon gelöst. Sie findet ihren Ausdruck in einer verbreiteten paternalistischen Haltung, einer ausgeprägten hierarchischen Schichtung und deutlicher Statusdistinktion sowohl intraprofessionell als auch gegenüber anderen Berufen. Oft wird auch gesagt, dass die Gründungsgeschichte im Kontext der Kriegschirurgie ein Grund sei. Gerade diesbezüglich ist anzumerken, dass das weltberühmte Karolinska Institutet ja die gleiche Geschichte hat und doch als Vorzeigebeispiel für Interprofessionalität gilt.

Wie kann Interprofessionalität in Studium und Ausbildung gefördert werden? Was sind die Hürden/Herausforderungen?
Als einer kritischen Erfolgsfaktoren wird der frühe Austausch mit Studierenden aus anderen Berufen genannt. Ein anderer sind wiederkehrende Expositionen – einmal ist keinmal. Viel beachtete Ausbildungsmodelle wie z.B. im englischen Leicester oder im schwedischen Linköping zeigen, dass auch gerade unspektakuläre Formen des Kontakts, des gemeinsamen Tuns, des Miteinanderredens und der nachträglichen Reflexion grosse Wirkung haben. Mit der Exposition an wenigen, aber gut gewählten Kontaktpunkten in verschiedenen Studienjahren soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass eine Handlungsgemeinschaft wirkungsvoller ist und die Potenziale besser zur Geltung bringt. Dahinter steht die Überzeugung, dass keine Profession allein gute Versorgungsqualität und hohe Patientensicherheit schaffen und gewährleisten kann.

Als Hürde wird immer wieder der (zu) hohe organisatorische und administrative Aufwand genannt. Dieser und die damit verbundenen Kosten werden weltweit diskutiert. Viele Hochschulen haben überzeugende Lösungen gefunden und rechnen die Opportunitätskosten gegen die Lerngewinne auf. Persönlich halte ich auch Argumente wie den ungleichen Wissensstand oder die unterschiedlich großen Kohorten in den verschiedenen Berufen für wenig stichhaltig. Auch das proaktive Klagen über angeblich verlorene Lernzeit signalisiert primär grundsätzliche Ablehnung – Lernstoff ist ja immer eine Auswahl. Und beim lebenslangen Lernen gibt es ja noch genügend Möglichkeiten, Defizite zu erkennen und situationsgerecht zu füllen.   

Eine Hürde ist wohl auch die Tradition, primär Wissen mit elaborierten Instrumenten zu prüfen. In meiner Zeit im Ministerium haben wir beim Medizinalberufe-Gesetz versucht, Kompetenzen, Wirkungen oder auch den Nutzen – und damit das Teamergebnis – als Evaluationskriterium einzuführen. Vor zwölf Jahren hatte dieser Ansatz noch keine Chance.       

Welche Schlüsselkompetenzen brauchen interprofessionelle Teams?
Es gibt mehrere international anerkannte IP-Frameworks, die alle ähnliche Schlüsselkompetenzen benennen. Grob lassen sie sich in zwei taxonomische Levels einteilen. Es braucht zuerst basale personale Kompetenzen wie das Wahrnehmen von Diversität, Bereitschaft Andere zu verstehen, Wertschätzung, Kommunikationsfähigkeit und -willigkeit. Darauf aufbauend müssen die taxonomisch anspruchsvolleren Kompetenzen herausgebildet werden: Rollen und Verantwortlichkeiten, Affektkontrolle und Konfliktlösung, Prinzipien der Gruppendynamik sowie des Interessens- und Machtausgleichs, das Funktionieren als Team und interprofessionelle Kommunikation, oder auch Methoden gemeinsamer Entscheidungsfindung und des Schnittstellen-Managements. Das meiste figuriert nicht in den deutschsprachigen Ausbildungskatalogen.     

Sie haben als „Interprofessionalität als ein Korrektiv der Spezialisierung“ bezeichnet. Damit gemeint?
Natürlich braucht es hoch spezialisierte Fachleute in Lehre, Forschung und Entwicklung. Im Sog der Hyperspezialisierung ist aber das Generalistische auf der Strecke geblieben. In anderen Ländern hat sich eine bessere Verteilung zwischen Grundversorgung und Spezialisierung halten können. In skandinavischen und angelsächsischen Versorgungskontexten ist gut zu erkennen, wie durch interprofessionelle Praxis viele recht komplexe Leistungen im Sektor der Primärversorgung oder gar in der häuslichen Versorgung verbleiben, die bei uns typischerweise im stationären Bereich landen. Das Auseinanderdriften von Versorgungssektoren wird durch Interprofessionalität reduziert. Dazu braucht es aber auch die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen.   

Ihr Beitrag auf der nexus-Tagung im Februar 2018 in München über „Interprofessionalität in der Schweiz“ hatte den Untertitel ‚von „no need“ zu „should have“‘. Was ist damit gemeint?
Die geraffte Formel bringt zum Ausdruck, dass in den letzten fünf Jahren ein erstaunlicher Gesinnungswandel stattgefunden hat. Dabei wurde die Maxime zunehmend in Frage gestellt, dass zuerst eine enge fachliche Professionalisierung erfolgen muss, bevor die interprofessionelle Exposition erfolgt. Die Gesundheitswirtschaft will nämlich immer weniger eng formatierte Absolventen aus isolierten Lernlaboratorien. Mangelerscheinungen bei den verfügbaren Fachkräften und der spürbar veränderte Case Mix mit mehr älteren und multimorbiden Menschen haben die Anforderungen betreffend Praxiseignung und Arbeitsmarktfähigkeit verändert. Die vor über zehn Jahren erfolgte Akademisierung der Gesundheitsberufe schafft neue Chancen mit neuem, zusätzlichem Personal. Diesen Transformationsprozess habe ich in einem Sammelband des europäischen Gesundheitsobservatoriums ausführlicher dargestellt, der demnächst erscheint. (Sottas B. Skill-mix innovations in confederal Switzerland: fragmented steps, reluctant regulation, inevitable developments. In: Glinos I, Sagan A, Wismar M (eds.): Skill-mix innovations in primary and chronic care: Mobilising patients, peers, professionals. Brussels: European Health Observatory, im Erscheinen. Demnächst hier zum Download verfügbar). 

Was kann Deutschland von der Schweiz lernen? Welche guten Beispiele gibt es über den deutschen Sprachraum hinaus?
Auf der gesetzlichen Ebene hat es vor 10 Jahren mehrere mutige parallele Schnitt gegeben: das Bologna-System wurde mit Augenmaß eingeführt, die Bildungsgesetze über die akademischen Medizinal-, Gesundheits- und Psychologieberufe erhielten alle die gleiche Systematik hinsichtlich der Ziele, es gab ein korrespondierendes System von Abschlusskompetenzen. Zudem wurde der Lernzielkatalog Humanmedizin um die Hälfte reduziert. Gleichzeitig wurde auch das gesamte Berufsbildungssystem national vereinheitlicht. Viele föderalistische Besonderheiten und professionsspezifische Sonderfälle wurden eingeebnet. Die Akademisierung der Gesundheitsberufe ist sicher ein Lehrstück, das nun deutlich positive Effekte beim Umbau des Gesundheitssystems für die künftigen Herausforderungen hat. Ebenso die nun erfolgte Ablösung des Lernzielkatalogs Humanmedizin durch kompetenzbezogene Profile. Die Benchmark ist aber in Skandinavien. Die Robert-Bosch-Stiftung bietet bei mehreren Förderprogrammen an, Beispiele guter interprofessioneller Ausbildung und Versorgungspraxis zu besuchen.